11.04.23

Von Schwiegervätern und Gralsrittern

Besser geht es kaum: ein vielseitiger Dirigent, und der Shootingstar unter den Klavierinterpreten

Galt Stuttgart eins als das „Winter-Bayreuth“, darf Baden-Baden mittlerweile gern als „Nachwuchs-Schmiede“ des Grünen Hügels bezeichnet werden. Gern erinnern sich nicht nur Wagnerianer an Klaus-Florian Vogts „Lohengrin“ in Baden-Baden ein Jahr bevor der Tenor erstmals bei den Wagner-Festspielen zu hören war. Pablo Heras-Casado dirigierte in Baden-Baden schon mehrfach, darunter den damals umjubelten „Liebestrank“ in der Regie von Rolando Villazón und wird nun im Sommer 2023 mit „Parsifal“ in Bayreuth debütieren.

Zuvor aber begibt er sich mit dem SWR Symphonieorchester schon auf „Gralssuche“ in Baden-Baden, wo er im Rahmen der Pfingstfestspiele 2023 das Vorspiel und den dritten Akt der Oper im Konzert leitet. Pablo Heras-Casado ist ein umfassend gebildeter Künstler, den die New York Times als “the thinking person’s idea of a hotshot young conductor” adelt. Seine Vielseitigkeit stellte er früh als Dirigent für Alte Musik unter Beweis, er näherte sich aber auch rasch der Romantik und der Moderne wurden von Daniel Barenboim und Pierre Boulez gefördert und kann sogar auf studentische Straßentheater-Erfahrungen zurückgreifen. Vielleicht war es diese universelle Form von Künstler, die Richard Wagner schätzte, er auf die Suche nach seinem „Gesamtkunstwerk“ ging. Mit Liszts zweitem Klavierkonzert setzen Dirigent und Orchester in Baden-Baden ein besonderes Zeichen. Interpretiert wird es vom französischen Pianisten Alexandre Kantorow, der 2019 sensationell den Ersten Preis samt Goldmedaille des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs gewann. Franz Liszt, Wagners Schwiegervater und langjähriger Freund in guten wie in schwierigen Zeiten, spielte einst in Baden-Baden ebenfalls eine wichtige Rolle als Intendant des Tonkünstlerfestes. Und wir wissen längst: Auch Wagner hätte hier sein Festspielhaus gebaut … Überhaupt liefen viele Drähte damals in Baden-Baden zusammen: Der wichtige Pariser Musikverleger Schlesinger verbrachte seine Sommer an der Oos, Star-Sopranistin Pauline Viardot diskutierte mit Wagner über die Finessen des Operngesangs und auch Hans von Bülow, dem Wagner Cosima (Liszts Tochter) ausgespannt hatte, war Dauergast.