04.04.23

Umspielte Moral

Händel bringt Sitte und Genuss in Einklang

Was kommt wohl dabei heraus, wenn sich ein Kardinal als Theaterautor versucht? Moralinsaurer Diskurs statt packender Handlung, öde Belehrung statt spritziger Unterhaltung?

Ein erster Blick in Benedetto Pamphiljs Libretto scheint das zu bestätigen. Da treten vier allegorische Figuren auf: Bellezza (die Schönheit), Piacere (das Vergnügen), Tempo (die Zeit) und Disinganno (die Erkenntnis). Für Bellezza ist das Leben eine einzige Party, bis sie sich ihrer Vergänglichkeit bewusstwird. Piacere will ihr alle Sorgen ausreden, doch Tempo und Disinganno halten wacker dagegen. Am Ende setzen sie sich durch – wie es der Titel „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ ja längst vermuten ließ.

Bellezza entscheidet sich also für das Wahre und Gute und gegen den oberflächlichen, sinnlichen Genuss. Der Haken an der Sache: Georg Friedrich Händels Musik ist vom ersten Violinstrich bis zur letzten Soprankantilene ein einziger Genuss, ja geradezu der Inbegriff barocker Sinnlichkeit. Und das sollte sie auch sein, denn als der noch nicht 22-jährige Sachse Anfang 1707 in Rom ankam, traf er auf Gönner, die trotz ihrer hohen kirchlichen Ämter die weltlichen Freuden liebten. Ihr bevorzugtes Vergnügen, die Oper, hatte allerdings ein sittenstrengerer Papst ein Jahrzehnt zuvor aus der heiligen Stadt verbannt. Kardinal Pamphilj und sein Kollege Ottoboni wussten sich indes zu helfen: Sie beauftragten weiterhin Opernkomponisten wie Scarlatti, Caldara oder eben Händel – nun allerdings mit Kantaten und Oratorien, für die sie sogar selbst die Texte lieferten.

Solche Stücke wurden zwar nicht in Szene gesetzt, doch die Worte beschworen dieselben starken Emotionen herauf, die man auch in einer Oper erlebte: Fröhlichkeit und Zufriedenheit, Kummer und Verzweiflung, Wut und Hass. Der junge Händel erkannte das und schöpfte in seinem allerersten Oratorium das dramatische Potenzial der Textvorlage voll aus. Und für sich selbst fand er auch noch eine maßgeschneiderte Rolle: Um die schwankende Bellezza zu verführen, bringt Piacere sie in seinen Genuss-Palast, wo ein „reizender Jüngling“ eine brillante Orgelsonate spielt. Ihn konnte natürlich keiner besser darstellen als der „caro Sassone“ – der „liebe Sachse“, wie die Italiener Händel nannten. Letztlich mussten alle mit seinem „Trionfo“ zufrieden sein: die Sittenwächter, weil im Text Keuschheit über Vergnügung siegt, aber auch ihre Gegner, weil Händels Musik diese Moral Lügen straft.

von Jürgen Ostmann