10.05.21

Tanz das Universum!

Beethoven und Techno, Jazz und Berlioz – was die Avantgardisten von gestern mit den heutigen verbindet

Willst du es wissen? Es ist des Wohllauts mächtige Gottheit, / Die zum geselligen Tanz ordnet den tobenden Sprung, / Die, der Nemesis gleich, an des Rhythmus goldenem Zügel / Lenkt die brausende Lust und die verwilderte zähmt.

Friedrich Schillers Gedicht „Der Tanz“ erschien 1796. Es ganz zu lesen ist die schönste Einführung in Beethovens 1813 uraufgeführte siebte Sinfonie: Tanz das Universum! Oder: Gott ist ein DJ. Die Techno-Avantgardisten, die in Clubs und Kellern Tanzmassen bewegen, atmen denselben Geist. Wie sie verherrlicht Beethoven in seiner Siebten Schwung und Rhythmus mit überwältigender Konsequenz – das strotzt vor Energie und auch vor Lust. Dahinter verschwindet die Melodie. Wo sonst in einer Sinfonie gäbe es einen langsamen Satz, der an Herz und Nieren geht, obwohl man sein Hauptthema nicht richtig singen kann? Es rührt sich melodisch nicht von der Stelle.

Welche Antwort darauf findet Jörg Widmann? Als Hommage an Beethovens siebte und achte Sinfonie sampelt er in „Con brio“ beethoveneske Motive, setzt sie neu zusammen und zerlegt sie immer wieder in ihre atmende, klopfende Substanz. Das geschieht mit Humor und historischem Bewusstsein. Beethovens Puls zerbröselt in Widmanns Collage aus dem Jahr 2008 in eine drängende Nervosität. Aber ohne Puls keine Ekstase.

Um loszulassen muss man zurückhalten: Im Poco sostenuto, mit dem Beethoven seine Siebte beginnt, stauen sich die Kräfte. Alles ist Spannung, Lauschen, Verharren, bis sich als treibende und auch ordnende Kraft ein punktierter Dreierrhythmus herauskristallisiert. Mit ihm bricht sich im Vivace die Energie Bahn. Dieser Dreierrhythmus ist perfekt gewählt, denn in ihm pocht der Zweierpuls mit: Die jeweils erste kurze Note in lang-kurz-kurz / lang-kurz-kurz usw. unterteilt die rhythmische Dreierfigur in zwei gleiche Hälften. Wirbelnder Rundtanz und Marsch kommen zusammen, der Gegensatz von geradem und ungeradem Metrum ist bis zur Auflösung verdichtet: eine rhythmische Quadratur des Kreises, von der nicht nur Beethoven weiß, sondern mit ihm all jene, die rund um den Erdball zum Tanz aufspielen

Berlioz vergötterte Beethoven. Und doch ließ er ihn schon 1830 mit seiner „Symphonie fantastique“ recht alt aussehen. Rauschhaft, riesig, egoman: So klang eine neue, romantische Epoche. Dem Franzosen wurde Gigantomanie vorgeworfen, doch die 1856 orchestrierten „Nuits d’Été“ zeigen, dass er auch mit kleinem Orchester große Wirkung erzielen kann. Alles ist Melodie und Farbe. Nur im Eingangsstück „Villanelle“ ticken leise die durchlaufenden Achtel. Motor der Entwicklung ist aber nicht der Rhythmus, es sind die wandernden Harmonien. Sie tragen die Melodien ohne klares Ziel in unerwartete Richtungen. Auch das lebt in zeitgenössischer Musik fort, in den „Changes“ etwa, den Akkordfolgen des Jazz, in deren Bahnen sich die melodische Improvisation ergießt. Beethoven und Techno, Jazz und Berlioz – die Avantgardisten von gestern erinnern uns daran, die von heute nicht zu verpassen.