24.11.22

Tag des Musikunterrichts

Anregender Austausch von Pädagogen, Künstlerinnen, Dozenten und Wissenschaftlern

Unter großer Beteiligung fand gestern (22.11. 22) im Festspielhaus Baden-Baden zum zweiten Mal der „Tag des Musikunterrichts“ statt. Rund 50 interessierten Lehrerinnen und Lehrern bot die Partizipationsabteilung des Festspielhauses in Kooperation mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe die Möglichkeit, neue Vermittlungsmethoden, pädagogische Skills und für den Schulalltag relevante wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Der Tag begann um 10 Uhr mit zwei Workshop-Phasen, jeder der Lehrkräfte im Fach Musik (schulartübergreifend) konnte also zwei Workshops besuchen und Impulse speziell für den Musikunterricht bekommen. In den Workshops „Play Your Body“ von Ben Schütz und „Body Rhythm Games“ von Anita Gritsch wurde der eigene Körper zum Klangkörper. Der Vorteil: dieses „Instrument“ hat man immer bei sich. Die Teilnehmenden erlebten in den bewegten Seminaren, in denen auch auf didaktische Fragen eingegangen wurde, einen bunten Mix aus Rhythmusspielen, Bodypercussion-Übungen und Grooves. Im Workshop wie dann im Unterricht bringen Spiele mit Rhythmus und Bewegung nicht nur gute Laune, sondern sind hervorragende Hilfen, mit sich und den Mitspielenden in Kontakt zu kommen.

In seinem Impuls-Workshop „Vom Klassenzimmer nach Groovistan“ brachte Murat Coşkun Rhythmus, Stimme, Bewegung, Koordination und Percussion zusammen. Hierfür benützt er seine eigene Methode, die er speziell für Rhythmen in ungeraden Metren entwickelt hat. Diese Grooves und Sounds überträgt er zusammen mit Bewegung und Stimme auf die Rahmentrommel. Im Workshop wurde mit einer vereinfachten Technik gespielt, und die Teilnehmenden hatten so einen einfachen Zugang zu diesem „etwas anderen Feeling“ von Musizieren und konnten die Elemente auszuprobieren, erleben und soweit verinnerlichen, dass sie sie dann auch im Schulalltag weitervermitteln können.

Improvisieren und spontanes Erfinden gehört seit jeher zur Musik dazu, besonders zum Jazz. Dennoch stellt sich oft die Frage, wie man einen „barrierefreien“, unkomplizierten Zugang zur Jazzimprovisation findet, ohne dafür eine Jazz-Harmonielehre studiert zu haben. In seinem Workshop zeigte Michael Kiedaisch mit verschiedenen Übungen und konkreter Anwendung, wie man unbefangen über typische Akkordfolgen, zum Beispiel der II-V-I, improvisieren kann.

Im Toccarion, dem „Schlaraffenland der Instrumente“, ging es in einem weiteren Workshop um Berühren, greifen, spielen. Nach Lust und Laune durften jedem erdenklichen klassischen Instrument Klänge entlockt werden. Darüber hinaus gab es im Toccarion ganz außergewöhnliche Instrumente, wie ein in Klavier, das mit den Füßen gespielt wird, eine Flöte, für die es sieben Hände braucht und ein Streichinstrument, das nur mit vier Armen richtig zu brummen beginnt, zu entdecken. Zudem schlüpften die Teilnehmenden in die Rolle eines Dirigenten oder einer Komponistin, um aus einem neuen Blickwinkel ein Gespür für die facettenreiche Welt der Musik zu erhalten.

Am Spätnachmittag gab der Neurowissenschaftler, Physiker und Kirchenmusiker Dr. Peter Schneider Einblicke in seine Arbeit als Leiter der AG „Musik und Gehirn“ am Universitätsklinikum Heidelberg. Spannend und nachvollziehbar berichtete er über die „neuronalen Grundlagen der Klangwahrnehmung und des musikalischen Lernens - zwischen außergewöhnlichen Hörfähigkeiten und Hördefiziten“. Auch hier war Mitmachen Programm: In einem Versuch mit verschiedenen einfachen Klangbeispielen erfuhren die Teilnehmer ob sie eher zu Unter- oder Obertonhörern zählen – und somit eher auf einem hohem oder tiefen Instrument Karriere gemacht hätten. Ein wissenschaftlich überprüftes Verfahren, was durchaus im Schulalltag bei der Wahl eines Instruments herangezogen werden könnte, doch, so stellte Dr Schneider auf die diesbezügliche Nachfrage klar, das Vertrauen auf den eigenen Instinkt bei der Instrumentenwahl ist und bleibt das zuverlässigste Mittel für langen und erfolgreichen Musizierspass bei Kindern. Wichtig sei – und das sein Wunsch an die Bildungseinrichtungen – das Kinder eine möglichst breite Auswahl an Instrumenten zur Verfügung gestellt bekommen, um sich erstmal ausprobieren und einen wirklichen Instinkt entwickeln zu können. Zweifelsfrei nachweisbar durch die Forschung ist die positive Stimulanz des Gehirns durch Musizieren.

Nach der Talkrunde mit Dr. Schneider, Achim Fessler vom Regierungspräsidium Karlsruhe und Dr. Dany Weyer vom Festspielhaus Baden-Baden beendete ein letzter Musikbeitrag der Dozenten, in den auch die Teilnehmenden mit Improvisationen miteinbezogen wurden, den „Tag des Musikunterrichts“.

Der „Tag des Musikunterrichts“ soll ein Impulsgeber und ein Diskussions- und Austauschforum für Lehrkräfte, Funktionsträger, Politiker und Interessierte darstellen, das die vielfältigen Chancen und Wirkungen schulmusikalischer Bildung würdigt und stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt. Der Musikunterricht steht im Zentrum schulmusikalischer Arbeit, wird in seiner Bedeutung und Wirkung häufig aber erst hinter der öffentlichkeitswirksameren Musik-AG-Arbeit wahrgenommen und manchmal als „Spaß-“ oder „Ausgleichs-Fach“ zu den kognitiv-dominierten Fächern postuliert, anstatt in seinem äußerst breit angelegten musikalisch-ästhetischen sowie ganzheitlich-persönlichkeitsfördernden Bildungspotenzial geradezu als Basisfach wertgeschätzt zu werden.

Die nächste Veranstaltung des Partizipationsprogramms: der kostenfreie „Teach the Teachers“-Workshop „Das Spiel mit der Zeit“ am Dienstag, 6. Dezember, 15- 18 Uhr.