26.05.22

Starke Erfahrung

Wer Esa-Pekka Salonen als Dirigenten beschreibt, der komponiert, hat ihn nicht richtig verstanden. Salonen ist ein Komponist, der auch dirigiert. Wie so viele vor ihm, als das noch ganz normal war. Bach und Beethoven, Mozart und Mahler – sie alle waren auch Dirigenten. Kapellmeister, die selbst nicht komponieren, traten erst im späten 19. Jahrhundert auf den Plan. Und Salonen hat nicht viel übrig für den Kult, der seitdem um sie gemacht wird.

Eigentlich hatte der 1958 in Helsinki geborene Finne ganz anderes im Sinn, als ein berühmter Dirigent zu werden. Er studierte Horn, Komposition und Dirigieren, anschließend wollte er mit anderen jungen finnischen Komponistinnen und Komponisten wie Magnus Lindberg und Kaja Saariaho etwas für die Präsenz der eigenen Musik auf den Konzertpodien tun. Da es aber schwierig war, Dirigenten dafür zu begeistern, begann er selbst, die Aufgabe zu übernehmen. 1979 gab er sein Debüt mit dem Taktstock am Pult. Sehr schnell wurde ihm klar, dass ihm damit etwas gelingen wurde, was mit dem Komponieren nicht so recht klappte: den Lebensunterhalt zu verdienen.

International bekannt wurde er, als er 1983 in Mahlers dritter Sinfonie beim Philharmonia Orchestra London einsprang. Die Partitur hatte er sich in nur vier Tagen erarbeitet. Von da an ging es steil bergauf mit der Karriere. 1984 wurde er zum ersten Mal von Los Angeles Philharmonic eingeladen, 1992 wurde er dort Music Director, 1985 wurde er erster Gastdirigent des Philharmonia Orchestra.

Andere hätten angesichts solcher Erfolge aufs Schreiben wohl verzichtet – Salonen lebt lieber zwei Künstlerleben gleichzeitig. Was ganz gut zu einem seiner jüngsten Werke passt: „Gemini“ porträtiert die ungleichen Zwillingsbruder Castor und Pollux. Als Komponist, sagt er, „arbeitet man langsam und einsam, hat keinen sozialen Austausch und braucht eine Energie wie ein Marathonläufer. Als Dirigent gibt man zwei Stunden Energie, dann kommt der Applaus, das Abendessen, eine Flasche Wein. Das ist wie ein 100-Meter-Lauf.“ Wobei er sich schon oft gefragt hat: „Verschwende ich mein Leben mit etwas, was andere genauso gut können? Statt zu tun, was nur ich kann: meine Musik schreiben?“

Aber die Arbeit als Dirigent ist dann doch zu reizvoll, und die Musikwelt will ihn sowieso weiter in beiden Rollen sehen. 2020 übernahm er mit dem San Francisco Symphony Orchestra einen der international führenden Klangkörper, als Komponist zahlt er zu den weltweit erfolgreichsten. Vielleicht gerade deshalb, weil er sich auffallend von seinen Kollegen der europäischen Avantgarde unterscheidet. Nicht zufällig fand er eine musikalische Heimat in den USA, wo er unbelastet von europäischen Debatten über Postmoderne, Postserialismus oder Darmstädter Schule arbeiten kann.

Liegt es vielleicht an der Avantgarde selbst, so fragt er, dass sie so große Probleme hat? Man müsse so schreiben, dass normale Konzertgänger die Musik verstehen und genießen können. „Wir haben es mit Emotion, mit Kommunikation, mit Ausdruck zu tun“, sagt er. „Unser Ziel muss sein, den Zuhörern starke Erfahrungen zu ermöglichen.“ So traut er sich, in seinem Violinkonzert, das Patricia Kopatchinskaja am Sonntag, den 5. Juni mit dem SWR Symphonieorchester im Festspielhaus aufführt, ganz traditionell einen virtuosen Solisten gegen das Orchester-Kollektiv zu stellen – mit der großen Geste der romantischen Tradition. Der Erfolg des Werks zeigt, dass er damit einen Nerv trifft. Mit zwei weiteren Werken ist Salonen bei den Pfingstfestspielen vertreten. Am Samstag, den 4. Juni steht sein Orchesterwerk „Gemini“ zusammen mit Beethovens „Eroica“ und Musik aus Rameaus „Castor e Pollux“ auf dem Programm, im Kammerkonzert am 3. Juni erklingt sein „Memoria“ für Bläserquintett.

Salonens Musik ist ebenso vielfaltig wie einfallsreich. In seinem 1988 entstandenen, verspielten „Floof“, mit dem er den UNESCO-Rostrum-Preis gewann, erweckte er zum Beispiel den „homöostatischen Homer“ zum Leben, einen Roboter-Dichter aus dem Universum des polnischen Science-Fiction-Autors Stanisław Lem. Im 2011 entstandenen Orchesterwerk „Nyx“ wandelte er auf den Pfaden von Richard Strauss und dessen Tondichtungen. Sein 2007 entstandenes Klavierkonzert für Yefim Bronfman, das seine europäische Erstaufführung bei den BBC Proms erlebte, startet als Hommage an den französischen Barock, wird dann jazzig und wendet sich schließlich zu Bartók und Gershwin. In „Karawane“ erkundete er 2014 das gleichnamige dadaistische Gedicht von Hugo Ball, sein jüngstes Werk „Laila“ ist eine multimediale und interaktive Operninstallation für die Finnische Nationaloper. Fünf Werkbeispiele, fünf Facetten eines Komponisten, dessen Credo lautet: „Man muss beweisen, dass Musik eine lebendige Sache ist. Etwas, an dem noch gearbeitet wird.“ Klassische Musik dürfe nicht zu einem Sammlerstuck verkommen wie ein altes Auto.

Wird sie auch nicht, solange es Komponisten wie Esa-Pekka Salonen gibt. Der zeigt sich auch in anderer Hinsicht als sehr publikumsfreundlich: Stets gibt er erhellende Auskünfte über seine Kompositionen und ihre Hintergrunde. Und baut damit Barrieren ab, die oft den Zugang zu Neuer Musik erschweren.

Klemens Hippel