21.04.26

Sie ist Er

E- oder U-Musik? Mann oder Frau? Alles eine Frage der richtigen Rolle. Emily D’Angelo ist der „Rosenkavalier“

Gerade mal siebzehn Jahre alt sollte der Octavian für Richard Strauss sein: ein „Bub“, der mit der deutlich älteren Marschallin die erste erfüllte Sexualität erlebt, sich aber auch noch glaubhaft als Mädchen verkleiden kann. Und singen sollte diesen titelgebenden „Rosenkavalier“ eine Mezzosopranistin. Der Komponist und sein Dichter Hugo von Hofmannsthal griffen mit ihrer 1911 uraufgeführten „Komödie für Musik“ eine lange Tradition auf: die „Hosenrolle“ fürs Spiel junger Männer, die ihrer selbst noch nicht ganz sicher sind, weder in der Sexualität noch im Leben, in einem Augenblick euphorisch, im nächsten niedergeschlagen – wie ihr Urbild, Cherubino in „Le Nozze di Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

Als Emily D’Angelo den Pagen in Mozarts Oper zum ersten Mal verkörperte, beim Festival dei Due Mondi in Spoleto, war sie erst einundzwanzig Jahre alt. Internationale Reisen hatte die Kanadierin schon als Mitglied des Toronto Children’s Chorus erlebt, mit fünfzehn den ersten professionellen Gesangsunterricht erhalten. Mit Anfang zwanzig gewann sie wichtige internationale Gesangswettbewerbe in Serie: die Metropolitan Opera National Council Auditions und den Gerda- Lissner-Wettbewerb in New York, „Neue Stimmen“ in Berlin. Als erste Sängerin überhaupt stand sie beim Operalia-Wettbewerb in Lissabon 2018 in allen vier möglichen Kategorien an der Spitze. 

Im neunzehnten, auch noch in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts begannen Gesangskarrieren deutlich früher als heute. Eva von der Osten, der erste Octavian, war bei der Uraufführung neunundzwanzig Jahre alt, Lotte Lehmann, die fünf Jahre später bei Strauss den jungen Komponisten in „Ariadne auf Naxos“ verkörperte, ein Jahr älter. In der Gegenwart dagegen darf die einunddreißigjährige Emily D’Angelo als Ausnahmeerscheinung gelten. Mit ihrem geschmeidigen, herb timbrierten Mezzosopran hat sie bereits alle bedeutenden Bühnen der Opernwelt erobert, in Paris, London, Mailand, Zürich, Berlin, München – sowieso die Metropolitan Opera in New York, in deren Lindemann Young Artist Development Program sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Einen Schwerpunkt hat sie in den vergangenen Jahren an der Wiener Staatsoper gefunden, wo sie der Regisseur Barrie Kosky in allen drei Da- Ponte-Opern von Mozart einsetzte: als Donna Elvira in „Don Giovanni“, als Dorabella in „Così fan tutte“ und erneut als Cherubino. Daneben gehören die Opern Händels zu ihrem Kernrepertoire, wo Mezzosoprane häufig die ehemaligen Partien von Kastraten übernehmen, also ebenfalls „in Hosen“ auftreten. Und serienweise Koloraturketten hinausschleudern müssen, was Emily D’Angelo mühelos gelingt. Am Festspielhaus Baden-Baden ist Octavian im „Rosenkavalier“ ihre erste Opernrolle, nach ihrem Debüt bei den Sommerfestspielen im vergangenen Jahr im Requiem und in der c-Moll- Messe von Mozart.

Dass sie selbst einen eher androgynen Look pflegt, schadet ihr in den Augen der Regisseure sicher nicht. Emily D’Angelo steht für einen zeitgenössischen, kosmopolitischen Frauentyp, der in der Klassikwelt eher selten ist. Deutlicher noch als auf der Opernbühne wird das auf ihren zwei Soloalben. Auf dem ersten finden sich ausschließlich Stücke von Komponistinnen. Erst beim zweiten kommen auch einige Klassiker hinzu, Musik von John Dowland oder Henry Purcell, begleitet freilich von einer E-Gitarre. Die Arrangements klingen eher nach zeitgenössischem Pop oder Ambient Music, schrecken vor Beats und Synthesizerklängen nicht zurück, bei Bedarf nicht einmal vor Streicherteppich und Backgroundchor.

Den eigenen Stimmklang nähert D’Angelo hier dem Crooning an, dem samtweichen Gesangsstil also, der nur mit Mikrofon funktioniert und von Sängerinnen und Sängern der Swing Ära zur Perfektion gebracht wurde. Im vergangenen Jahr wurde ihr dafür der „Opus Klassik“ verliehen, nicht in der „Nachwuchs“-Kategorie wie anderen Künstlerinnen und Künstlern ihres Alters, sondern als „Sängerin des Jahres“.

Der Grenzgang zwischen E- und U-Musik spiegelt die angloamerikanische Musikszene, die hier deutlich entspannter agiert als die europäische Avantgarde. Ein Beispiel dafür ist die Oper „Grounded“ von Jeanine Tesori. Emily D’Angelo brachte die Oper 2023 am Kennedy Center in Washington mit zur Uraufführung. Im Jahr darauf war sie darin auch an der Metropolitan Opera in New York zu sehen. Die Komponistin, renommiert vor allem im Musicalbereich, wünschte sich D’Angelo explizit für die Hauptrolle der US-amerikanischen Bomberpilotin Jess. Nach einer Schwangerschaft wird Jess nur noch im digitalen Raum eingesetzt, wo sie Drohnen mit dem Joystick steuert. Am Handwerk des Tötens zweifelt sie erst, als ihr ein Kind ins Visier gerät – als Frau in einem männlich dominierten Berufsfeld, die mit mütterlichen Gefühlen ringt. Das Spiel mit den Geschlechterrollen wird fortgeschrieben, wenn auch in ganz anderer Weise als bei Octavian, dem jungen Rosenkavalier.

von Michael Stallknecht