Mozarts "Zauberflöte" trifft Wagner

Warum sollte man „Die Frau ohne Schatten“ mindestens einmal im Leben gesehen und gehört haben? Weil diese Oper viele andere Opern in sich trägt und ähnlich wie die Proust-Romanserie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ für den Beginn des 20. Jahrhunderts in der Musik steht – stilbildend, geheimnisvoll und von gigantischem Ausmaß.

Die bedeutendsten Opern sollten Strauss und Hoffmannstal als Vorbild für ihre "Frau ohne Schatten" dienen. Das Stück hat sich längst zum Kultstück verwandelt, mit dem der Dirigent Kirill Petrenko einst bereits am Nationaltheater in München Furore machte.

Strauss´ Opus Magnum, zu dem Opernfans aus Japan pilgern, musikalischer Mont Everest, der wenigstens einmal bestiegen werden sollte, Pflichtstück für jedes Opernhaus, das etwas auf sich hält: Die „Frau ohne Schatten“ hat sich nach holprigem Beginn zum Kultstück entwickelt. Große Häuser wurden mit ihr wiedereröffnet, so die Wiener Staatsoper und das Nationaltheater in München nach dem Krieg oder die neue Metropolitan Opera in New York in den Sechzigern.

Apropos Nationaltheater in München: Genau 50 Jahre später wurde die "Frau ohne Schatten" wieder am Haus gegeben - diesmal mit Kirill Petrenko am Pult, ein denkwürdiges, weltweit beachtetes Ereignis. Es war davor in Amerika, wo sich der „FrOSch“ (so die unter Musikern beliebte Abkürzung) in einen Goldprinzen verwandelte. Die Oper wurde an der MET zum größten Erfolg der ersten Spielzeit, ein Erfolg, der die Kariere des Werkes, über den deutschen Sprachraum hinaus, überhaupt erst begründete.

Die ersten, modernistischen Takte stehen für die bizarre Welt der märchenhaft symbolistischen Figuren, acht Takte später antworten die Streicher mit der allereinfachsten D-Dur-Streichermelodie, warm, menschlich, kindlich, so richtig zum Nachsingen – etwas schneller gespielt wäre es fast ein Papageno-Lied. Es steht für das Beste am Menschen, konkret für den genügsam liebenden Färber Barak, vielleicht sogar für den Musikmaler Richard Strauss selbst, was den Keifereien mit Baraks Ehefrau eine eigene Note verleihen würde.

Der Papageno war ein Wink: Diese Oper ist die „Zauberflöte des zwanzigsten Jahrhunderts“ (so der Dirigent unserer Neuinszenierung, Kirill Petrenko) mit hohem und tiefem Paar, einem Gericht und einer „Feuer- und Wasserprobe“ im dritten Akt.

Neben „Zauberflöte“ verbeugten sich Strauss und Hoffmannstal vor Wagners „Ring des Nibelungen“ und dem „Parsifal“. Mitleid machte nicht nur Wagners Gralsritter, sondern auch Strauss´ Kaiserin fühlend.

All das einmal erleben: In „Die Frau ohne Schatten“ spiegelt sich soviel Kulturgeschichte, dass es ein Fest ist, all den Facetten nachzuspüren und dabei nicht minder viele musikalische Genüsse zu erleben. Wann schließlich sonst erklingt eine „Glasharfe“ in der Oper?

(Den kompletten Text zu „Die Frau ohne Schatten“ von Dariusz Szymanski lesen Sie ab Ende Oktober im neuen Jahresprogramm 2023 des Festspielhauses Baden-Baden).