22.11.22

Liebe im Paradies

Gibt’s nicht? Doch: In Haydns „Schöpfung“

Sie können nicht voneinander lassen. „Mit dir erhöht sich jede Freude“ – „Mit dir genieß ich doppelt sie“, fallen sich Eva und Adam ins Wort. Dabei hat Joseph Haydn die Verliebten im dritten Teil seines Oratoriums erst durch einen Adagio-Abschnitt traumwandeln lassen: Die tiefen Streichinstrumente tasten sich vor und pendeln sich schließlich ein im langsamen Dreivierteltakt. Ein Walzer in Zeitlupe. „Holde Gattin, dir zur Seite fließen sanft die Stunden hin“, haucht Adam und klingt dabei ein bisschen wie Mozarts Graf Almaviva, der sich in der finalen Ensemble- Nummer in „Die Hochzeit des Figaro“ bei seiner Frau für das Ehe-Chaos und Liebes-Tohuwabohu entschuldigt. Aber nein, Adam hat weder ein schlechtes Gewissen noch sonst irgendwie Anlass für Ehekrisengespräche. Denn Haydn beendet sein Oratorium, bevor das Leben zu zweit spannend und konfliktreich wird.

In diesem Liebesduett der ersten Menschen ist alles Wonne. Nachdem sich Eva und Adam im Adagio-Teil dessen versichert haben, lässt Mozart – pardon – Haydn den Puls im Orchester ansteigen. Nach der paradiesischen Trägheit kommt Bewegung ins Spiel, das Instrumentarium wird größer: Die Hörner rufen eine kleine Melodie ins Dickicht des Garten Eden, das Paar freut sich am „tauenden Morgen“ wie an der „Kühle des Abends“ und versichert sich: „Doch ohne dich“ – wär’ alles nichts. Das ist Liebe in Reinform, die Haydn in klare und einfache Harmonien um die Grundtonart Es-Dur kleidet und dabei auf die Opernbühne schielt: Eva und Adam, die im Allegro-Teil schließlich unisono drauflosplappern, könnten mit diesem Duett auch in der wenige Jahre zuvor uraufgeführten „Zauberflöte“ auftreten und – musikhistorisch betrachtet – die Kinder von Papageno und Papagena sein.