31.12.21

La Grande Gare

Herbstfestspiele

Entgrenzung der Gefühle

Der Zug nimmt Fahrt auf im 19. Jahrhundert, die Technik frisst sich in immer mehr Bereiche des Alltags hinein – und die Komponisten? Sie entdecken eine neue Mechanik der Gefühle. Nicht nur die Orchester werden größer, sondern auch die Stimmen: Pietro Mascagnis Verismus nimmt den Filmschnitt vorweg, während wir bei Wagner das Gegenteil vorfinden. Sein unendlicher Strom erfasst Helden wie Harmonien, löst Arien auf und ist voller Leitmotive, die das Unbewusste zum Sprechen bringen, lange bevor die Psychologie es tut.

Mit Thomas Hengelbrock, Teodor Currentzis und Antonello Manacorda kommen Dirigenten zu den Herbstfestspielen, die für ihre Kompromisslosigkeit bekannt wurden. Zwei Opern stehen auf dem Programm: Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ geleitet von dem Wahlpariser Thomas Hengelbrock und Wagners „Tristan“ in einer konzertanten Aufführung unter Teodor Currentzis. Einem Klangideal auf der Spur, das die Routine fürchtet, pendeln beide Dirigenten zwischen großen Orchestern und eigenen Ensembles hin und her. Ihr historischer Vorreiter: Hector Berlioz, der das romantische Orchester entfesselte und mit seiner „Symphonie fantastique“ das sinfonische Künstlerdrama erfand – dieses Werk wird von Antonello Manacorda dirigiert. Berlioz prägte auch, in Baden-Baden übrigens, den Begriff „Festival“. Eine „Idée fixe“, die bis heute Früchte trägt.