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Kampfstiefel und die Ruhe der Seele

Pressestimmen zum ersten „Currentzis-Festival“ im Festspielhaus Baden-Baden

In den ersten Kritiken spiegeln sich die begeisternden Konzerte mit Teodor Currentzis und den Ensembles von musicAeterna wider. In ihren Beschreibungen und Einordnungen beginnen die meisten Kritikerinnen und Kritiker mit dem äußeren Eindruck – wie auch Isabel Steppeler in den Badischen Neuesten Nachrichten (Karlsruhe):

„Immer wieder wird das Licht ausgehen, um diese vom Ensemble unfassbar inbrünstig dargebotene Musik leuchten zu lassen. Was auch immer Currentzis da beschwört, er macht das mit Leib und Seele. Er stampft mit seinen rot geschnürten schwarzen Kampfstiefeln zum Rigaudon aus „Naïs“ oder zu Tambourin aus „Dardanus“. Er schickt seine ausgewaschenen schwarzen Röhrenjeans in die Knie, läuft zu den Geigen und lässt ihren Klang anschwellen, wirft eine Geste nach rechts zu den Pauken, lässt das Tambourin auffahren, duckt sich bis nur noch ein zartes Vibrieren zu vernehmen ist, um dann jäh in die Luft und ins Fortissimo zu springen.“

Auch Georg Rudiger beobachtet zunächst für das Badische Tagblatt und die Badische Zeitung:

„Wie immer trägt er statt eines Fracks eine Kombination von hautenger Stretchjeans mit weitem Hemd, schwarzen Stiefeln und roten Schnürsenkeln. Mit diesem Outfit würde man jemanden eher auf einem Rockkonzert erwarten. Dieses Wilde, Ungezähmte zelebriert Currentzis auch als Dirigent, wenn er eine Headbanging-Einlage gibt oder bei einem von Rameaus Tänzen mit den Füßen einen Rhythmus stampft, der von seinen Musikern übernommen wird.“

Allerdings schreibt der Rezensent auch: „Wer den Chefdirigenten des SWR Symphonieorchesters deshalb als Showman oder Schaumschläger bezeichnet, greift zu kurz. Vor der Show stehen akribische Proben, die bei seinem Ensemble auch mal eine ganze Nacht dauern können. Bis kurz vor Konzertbeginn wird auch im Festspielhaus geprobt und die Reihenfolge nochmals kurzfristig verändert. Diese akribische, substanzreiche Arbeit kann man hören im Festspielhaus, wenn sich die Streicher zu einem Unisono vereinen, das wirklich nur mit einer hochexpressiven Stimme spricht.“

Claus Walters berichtet in den BNN über den zweiten Abend, „Tristia“: „Die Verdichtung des Ausdrucks geht mit Annäherung an die slawische Chortradition, aber auch mit Anklängen an den sarkastischen Stil Dimitri Schostakowitschs der 1930er Jahre einher. Dies wird von dem das kleinste Detail gestaltenden Currentzis und seinem Ensemble mit genauer Ausform der Texte umgesetzt, stets emotional packend, nie an Spannung verlierend. Unterstützt von einer Lichtführung, welche die sakrale Atmosphäre der Aufführung bis zu einem Lichtdom steigert, den man aus „Parsifal“-Aufführungen der 1950er- und 1960er-Jahre in Erinnerung hat, präsentiert Currentzis hier ein Monument der Erinnerung an das Grauen des Gefängnisalltags, vor allem des Gulag-Lebens, das im heutigen Russland mit seiner gelenkten Demokratie und Willkür-Justiz schon wieder am Horizont aufscheint.“

Und das Badische Tagblatt ergänzt: „Je länger der Abend dauert, desto mehr wird man hineingezogen in diese Klangwelten. Dramatisch wird es, wenn in der Nummer 22 ‚Schon wieder im Gefängnis‘ die kleine Trommel das Geschehen aufpeitscht und der kultivierte Chor sich zum brutalen Mob verwandelt. Gefangenschaft heißt auch Wut und Verzweiflung, Widerstand und Aufbegehren.“

Auch am dritten Abend kombinierte Teodor Currentzis überraschend. Dem „Requiem“ von Wolfgang Amadeus Mozart stellte er byzantinische Liturgien zur Seite. Im Badischen Tagblatt heißt es dazu: „Musikalisch überrascht, dass der Dirigent Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem geistliche Musik aus der westlichen und östlichen Kirchenmusiktradition voranstellt. Auch nach dem "Lacrimosa" sind nochmals griechisch-orthodoxe Gesänge zu hören, die vom erst 2018 gegründeten usicAeterna-Byzantina-Chor gesungen werden. Nicht nur deshalb gelingt Currentzis im ausverkauften Festspielhaus eine ausgewogene, spirituelle, organische Interpretation von Mozarts letztem, unvollendet gebliebenem Werk, die tief berührt.“

Und wie zuvor schon die BNN kommt auch Dr. Dietrich Mack in der Mittelbadischen Presse auf einen Vergleich zu Richard Wagner: „Der Chor teilt sich in Gruppen, schließt sich in Kreisen, ist ständig in Bewegung; aber es entsteht paradoxerweise keine Unruhe, sondern Ruhe, Ruhe der Seele. Man muss Wagner zitieren: ‚Versinken, unbewusst, höchste Lust‘. Kann man das steigern?“

„Vielleicht“, lautet eine Antwort. Denn Teodor Currentzis kommt wieder – zu Pfingsten 2020. Daher schreibt der „Neue Merker“: „Im Fokus der herbstlichen Festspiele des Festspielhausesan der Oos stand der Taktstock-‚Enfant terrible‘ Teodor Currentzis mit seinem Ensemble musicAeterna und absolvierte drei epochale Konzerte zu dessen Abschluss man das ‚Requiem‘ von Wolfgang Amadeus Mozart als Höhepunkt erwählte. Nun darf man sich schon heute auf die nächsten drei Events während der Pfingst-Festspiele 2020 freuen.“

Stand: 15.03.2021