24.02.23

Ich tanze gern!

Für Vanessa Porter ist Musizieren eine körperliche Angelegenheit. Das hat weniger mit ihrem Instrument als mit ihrer Einstellung zur Musik zu tun. Wir haben mit der Schlagzeugerin ein Gespräch geführt.

Wie übt man als Schlagzeugsolistin? Arbeiten Sie sich in einer Riesenhalle mit hunderten von Instrumenten von einem zum nächsten durch?

Leider habe ich keine Riesenhalle zur Verfügung, das wäre wirklich schön. Aber auch mit großer Halle würde ich mich vermutlich nicht „durcharbeiten“. Natürlich gibt es manchmal Phasen, in denen sehr viel los ist und man in kurzer Zeit vieles gleichzeitig üben muss - dann kann es schon mal hektisch und voll werden in meinem Proberaum.

Ich glaube aber, dass zu unserer Arbeit als freischaffende Musiker noch mehr gehört, als Noten lesen und Technik üben. Ich entwickle immer mehr eigene Projekte und da stehen neben dem Üben am Instrument noch einige andere Dinge im Fokus: Recherche, Kontakt und Arbeit mit KomponistInnen, Klangsuche, Aufbau eines Teams, usw. Das führt dann zu ganz anderen Überprozessen als vielleicht noch im Studium, als ich es gewohnt war, mir ein interessantes Werk auf das Notenpult zu legen und dieses durchzuarbeiten.

Erinnern Sie sich an einen prägenden Moment, an dem Sie sich als Kind eine Trommel oder ein Becken genommen und gedacht haben: Das ist es!

Von dem einen Konzert oder dem einen Moment kann ich leider nicht erzählen.

Die Schlagzeugschule meines Vaters ist quasi Wand an Wand zu unserem Wohnbereich. So gehörten für mich schon als kleines Kind Musik und Schlagzeug zum Alltag. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, wurde immer schon getrommelt – manchmal hatte ich morgens noch vor der Schule Unterricht bei meinem Vater.

Das Schlagzeug gehört also schon immer zu meinem Leben und die Entscheidung Musik zu studieren war bei mir sehr schnell getroffen. Auch, wenn ich als Kind und Teenager nicht ganz so fleißig am Instrument war.

Kam der Impuls über die Popmusik?

Ursprünglich schon, ich habe erstmal mit Drumset und Perkussion angefangen – mit Popmusik. Dann habe ich überlegt, Jazz-Vibraphon zu studieren. Letztendlich bin ich aber sehr froh den Weg über das klassische Schlagzeugstudium gegangen zu sein.

Haben Sie einen Lieblingsdrummer?

Es gibt viele DrummerInnen, die ich sehr spannend und inspirierend finde. Die meisten davon folgen einer Linie: das Drumset nicht nur als rhythmisches, sondern auch als melodisches Instrument zu nutzen. Wenn die Toms und Becken anfangen zu singen, ist das großartig.

Irgendwo online ist zu lesen, die „Dicke Berta“ sei Ihr Lieblingsinstrument. Das ist die Große Trommel, richtig?

Ja, das ist aber schon Jahre her und war damals ein Witz, den wir uns im Quartett für die Homepage überlegt haben. Es fällt mir schwer zu sagen, welches mein Lieblingsinstrument ist, weil einfach jedes Instrument seine eigenen Qualitäten hat. Aktuell bin ich sehr viel mit dem Vibraphon unterwegs. Das kann in ein paar Jahren aber wieder ganz anders sein.

Generell versuche ich neue Klänge auf die Bühne zu bringen, anstelle von Musik, die sich über die Jahre vielleicht ein bisschen verbraucht hat – um es mal ganz radikal zu sagen. Allerdings denke ich auch, dass unser Repertoire sehr jung und dadurch sehr wertvoll ist. Es ist wichtig, dass wir es spielen und mit StudentInnen arbeiten. Die Mischung macht es für mich aus.

Was meinen Sie mit „verbraucht“? Gibt es Trends in Konzerten mit Schlagzeugsolisten, die Ihnen auf den Wecker gehen?

Klar, das gibt es glaube ich überall. Es gibt für unsere Instrumente kein endloses Repertoire. Wir können also nicht auf ein jahrhundertealtes Repertoire, wie zum Beispiel die Streichinstrumente zurückgreifen. Weil das Repertoire sehr begrenzt ist, gibt es auch sehr begrenzt gute Werke. Die werden dann herauf- und heruntergespielt. Es ist aber alles auf einem sehr guten Weg. InterpretInnen schreiben immer mehr für das Instrument und auch für KomponistInnen wird die Hürde für Schlagzeug zu komponieren immer kleiner.

Schon mit Ihrer Vorliebe fürs Vibraphon stehen sie gegen den Trend. Normal bei Schlagzeugsolisten ist: Bach auf der Marimba. Haben Sie dazu einfach keine Lust mehr?

Ich liebe Bach genauso wie Beethoven, Mozart oder Schumann. Ich glaube auch, dass mittlerweile sehr viel mehr SchlagzeugerInnen neue Wege gehen und nicht ausschließlich Repertoire spielen. Diese Wege sind meistens neu für VeranstalterInnen und Publikum und sind daher noch nicht so präsent in den Köpfen. Ich glaube aber, dass sich das in den nächsten Jahren nochmal stark verändern wird und wir viel von diesen MusikerInnen hören und lesen werden.

Sie nutzen auch Ihre Stimme, zum Beispiel in „Le Corps à corps“ von Aperghis. Ist das Ausdruck Ihrer Haltung, auf das Wesentliche zurückzukommen?

Ja, das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Ich liebe es mit Stimme, Körper und Bewegung zu arbeiten – daher ist es auch in meinen Solo-Programmen sehr stark vertreten. Neben „Le Corps a corps“ auch in dem Auftragswerk von Aperghis „The Messenger“ und „?Corporel“ von Vinko Globokar. Ich persönlich finde diese körperlichen Klänge, Geräusche und unsere Stimme sehr spannend und ergreifend und natürlich ist es auch das Medium, das uns alle verbindet. Manchmal werde ich mit „Bodypercussion“ angekündigt, was meines Erachtens die Sache nicht ganz trifft. Es geht mir nicht um den Beat, den ich durch Stampfen und Klatschen erzeugen kann. Das ist auch toll und spaßig, verwende ich aber nicht für meine Programme in Konzerten, sondern dann für Workshops und Masterclasses.

Klingt das wieder zu sehr nach Spaß, nach Exzess und Show?

Das kommt jetzt so rüber, als würde ich nur für ernste, nachdenkliche Stücke plädieren. Das ist überhaupt nicht so: Ich sitze auch gern im Saal, lache und habe Spaß!

Sie machen ja auch Pop-Musik, mit Ihrer Schwester.

Das war ein Projekt, welches wir vor einigen Jahren entwickelt haben. Heute führen wir es nicht mehr auf. Wir haben jetzt ein sehr großes Repertoire an Schlagzeug-Duo Werken und versuchen dieses immer weiter zu entwickeln. Das ist nicht so einfach, da wir beide ein sehr unterschiedliches und aktives Leben als Musikerinnen haben und neue Werke und Programme viel Zeit beanspruchen. Gerade haben wir DIS:JUNCTION, ein Projekt für zwei Schlagzeugerinnen und zwei Tänzerinnen entwickelt.

Ich denke es ist in unserem Beruf sehr wichtig, vieles auszuprobieren, um dann aber auch irgendwann entscheiden zu können, welche Wege man weitergeht und welche nicht. So habe ich es immer gemacht und hoffe, es auch weiterhin zu machen.

Aperghis ist schon so etwas wie ein zeitgenössischer Klassiker. Wie lief der Austausch bei der Entstehung des Auftragswerks ab?

Georges Aperghis hat mir sein Stück früh geschickt, schon davor bin ich mit ihm in Kontakt gewesen. Ich bin ein paarmal nach Paris gefahren und habe es ihm vorgespielt. Aperghis geht nicht vom Instrument aus, für das er komponiert, sondern tatsächlich von Klängen, die er im Kopf hat – ohne technische Vorgaben zu machen oder vorzuschreiben, wie man das umsetzen könnte als MusikerIn. Aus seinen Ideen und meiner Umsetzung entstand dann das Stück.

Ich habe ihn als einen sehr angenehmen und liebevollen Menschen kennenlernen dürfen.

…der aber schwierig notiert: Es ist ja nicht einfach, in Aperghisʼ Noten herauszufinden, was er meint.

Stimmt – vor allem, weil für die Handtrommel Tombak keine einheitliche Notationen vorhanden ist.

Wie gehen Sie da vor – war das ein gemeinsamer Prozess mit dem Komponisten?

Die Notation ähnelt dem Fünf-Linien-System - mit tiefen und hohen Tönen: Ich kann dann entscheiden, ob ich etwa einen hohen Ton auf das Fell schnipse, auf den Korpus klopfe, ob ich einen „Slap“ mache und so weiter. Aperghis selbst würde die konkrete Ausführung niemals in den Noten festhalten, weil er eben möchte, dass jede SpielerIn es wieder komplett neu für sich interpretiert. Das ist es, was mich an ihm fasziniert – dass es zwar nach ihm und seiner Musik klingt und gleichzeitig immer etwas Neues entstehen kann.

Es gibt ein Klischee, dass Musiker nicht tanzen, Schlagzeuger schon gar nicht. Tanzen Sie gern?

Ja – Ja! Ich tanze sehr gerne.

Auch als Teil ihrer Performance?

Sehr häufig, ja. Ich tanze natürlich nicht auf der Bühne, wie ich privat tanze. Aber ich versuche immer mit dem Körper und Instrument ganzheitlich zu denken und zu arbeiten. Also benutze ich durchaus meinen Körper und gewisse Bewegungen in meinen Konzerten.

Konzipieren Sie die Bewegungen nach den Klängen der Stücke, gibt es also einen dramaturgischen Hintergrund, oder improvisieren Sie das?

Ganz viel ist improvisiert, aber es gibt einen roten Faden: „Folie à deux“ – die Verrücktheit zu zweit. Dieses Thema muss man sehr sensibel behandeln, es wäre mir zu willkürlich, einfach zu sagen: Komm, das können wir beide improvisieren. Ich habe ja in dem Konzert noch einem Klangregisseur dabei.

Gibt es eine Art eine Geschichte, die Sie musikalisch erzählen?

Folie à deux ist nichts Erfundenes, es ist eine wirkliche Krankheit, bei der zwei Menschen

einem Wahn verfallen. Einer fängt an, Wahnvorstellungen zu entwickeln, der andere beobachtet es eine Weile und spürt, dass sich der Partner entfernt. Dann steigt er mit darauf ein. Wir erzählen die Geschichte von der Geburt bis zum Ausbruch des Wahns – wie man sich dagegen wehrt, wie man sich vielleicht auch damit abfindet.

Wie interagieren Sie mit den elektronischen Klängen auf der Bühne?

Bei „Folie à deux“ wird zwischen jedem Werk (für Schlagzeug Solo) Daniel Mudrack mit vorprogrammierten und livegespielten Sounds improvisieren. Die Idee dabei ist es, alle Werke miteinander zu verbinden. So bezieht sich die Soundinstallation sowohl auf das vorherige Werk als auch auf das nachfolgende. Mir war es wichtig, bei „Folie à deux“ einen Bogen zwischen den Werken zu spannen und die Geschichte der Krankheit in allen Stationen und Emotionen musikalisch zu erzählen.

Würden Sie sich als Avantgardistin bezeichnen?

Es ist schwierig, sich selbst so zu bezeichnen.

Sie haben auch ein Stück für Ambosse im Programm. Üben Sie mit Ohrstöpseln?

Ich habe das sehr lange abgelehnt, weil dadurch der direkte Klangeindruck verlorengeht. Aber wenn ich übe in dem Sinne, dass ich verschiedene Abläufe wiederhole, um sie mir einzuprägen, dann nutze ich auf jeden Fall Hörschutz. Also bei den Ambossen: nur mit Ohrstöpseln!