15.03.21

Halali und Zizipe

Bruckners Jagdpartie in der „Romantischen“

Das Hornsignal ist das zentrale Klangsymbol der Romantik, bis heute sorgt es für Waldaura mit Märchenschauer. Anton Bruckners selbst benannte „romantische“ Sinfonie beginnt mit dem Hornsignal über tremolierenden Streichern – wie ein Rauschen der Blätter und Tannenzweige. Diese Vierte steht in Es-Dur, einer Tonart, die der Dichter und Komponist E. T. A. Hoffmann im Jahr 1815 mit der typischen Flora in deutschsprachigen Ländern in Verbindung brachte: „Grün ist sein Kleid wie der dunkle Wald – süßer Hörnerklang sein sehnendes Wort! – Hörst du es rauschen hinter den Büschen? Hörst du es tönen? – Hörnerton, voll Lust und Wehmut!“

Das eher gefühlte als genau definierbare „Romantische“ hat Bruckner auch durch Szenenanweisungen ausgebaut. Vom Rathaus herab rufe das Horn den Tag aus, schreibt er an den Dichter Paul Heyse. Das Kontrastthema im ersten Satz enthalte „den Gesang der Kohlmeise Zizipe“. Ein Gebetsständchen hörte Bruckner im zweiten Satz. Besonders interessant und plastisch vorstellbar aber gelang ihm der dritte Satz, jenes bemerkenswerte Scherzo, das den Typus des Tanzsatzes ganz neu definierte. Im Zweivierteltakt (statt der üblichen drei Viertel) malte er eine enorm dynamische Jagdszene. Wieder setzen die Hörner Zeichen, bringen mit ihren Dreierfiguren galoppierende Unruhe in den Zweierpuls. Sie werden von Trompeten und Posaunen nach und nach verstärkt, als bewege sich der imposante Jagdtross auf den Hörer zu wie auf das gejagte Wild. Nur die bellenden Hunde muss man sich selbst hinzudenken.

Zur Ruhe kommt das Scherzo in der Satzmitte. Bruckner folgt dem üblichen Kontrastschema mit einem lyrischen „Trio“ im Zentrum, vor der Wiederaufnahme des Beginns. Auch hier ist seine Vorstellung einer Jagdgesellschaft eindeutig bildlich geprägt: Er stellte sich eine Szene vor, „wie während des Mittagsmahles im Wald ein Leierkasten aufspielt.“ Bruckner komponiert einen Ländler, der stark an die Deutschen Tänze von Franz Schubert erinnert. Mit einer typischen „Bordun-Quinte“ in den Celli und Bratschen wird der Melodie ein gleichbleibendes Fundament unterlegt, wie es für Drehorgeln oder Dudelsäcke in der Volksmusik typisch ist. Der Musikwissenschaftler Rüdiger Heinze hat zu Recht auf vergleichbare Momente in Beethovens „Pastorale“ und im letzten Lied „Der Leiermann“ aus Franz Schuberts Zyklus „Die Winterreise“ verwiesen.

Auch der Gedanke, den allerersten Beginn der Vierten auf Richard Wagners „Lohengrin“ zu beziehen, wo im romantisch vorgestellten, mittelalterlichen Antwerpen von Turm zu Turm zum Morgenappell geblasen wird (Wagners Szenenanweisung: „Allmählicher Tagesanbruch. Zwei Wächter blasen vom Turm das Morgenlied; von einem entfernteren Turme hört man antworten.“), ist beim Wagner-Fan Bruckner sicher nicht zu weit hergeholt.

Christian Strehk


Stand: 15.03.2021