24.04.23

Ein Grund, zu bleiben

Die São Paulo Dance Company bindet Brasiliens Tanzelite an die Heimat.

Angesichts dieser modernen jungen Truppe will man es kaum glauben, aber die São Paulo Dance Company dürfte die erste vom Staat verordnete Ballettkompanie der Welt sein. 2008 beschloss das brasilianische Bundesland São Paulo die Gründung eines Ballettensembles, um endlich den vielen guten klassischen Tänzerinnen und Tänzern Aussicht auf Arbeit in ihrer Heimat zu geben, bevor sie nach Europa oder in die USA abwandern.

Binnen weniger Jahre entwickelte sich die São Paulo Companhia de Dança zu einer weltweit etablierten Botschafterin ihres Landes – mit einem Programm von „Schwanensee“ bis zum hochmodernen Turboballett, vor allem aber mit dieser ganz besonderen Energie der brasilianischen Tänzer. In lyrischen Werken zeigen sie ihre Ausdruckskraft, bei hohem Tempo bebt ein lateinamerikanisch geprägtes Rhythmusgefühl in ihren Körpern. In Brasilien wird mit Leidenschaft getanzt, in allen erdenkbaren Stilen. Aber kaum eine Truppe zeigt die klassisch-akademische Schule auf hohem Niveau. Sie galt lange als museal. Ballettschulen gibt es reichlich, von der berühmten Bolschoi-Akademie in Joinville, einem Ableger der ehrwürdigen Moskauer Institution, bis hin zu Ballettprojekten in den Favelas, um die Kinder von den Straßen zu holen. Brasilien versorgt die halbe Welt mit Spitzentänzerinnen und -tänzern. Die berühmteste von ihnen, Marcia Haydée, tanzte in Stuttgart – aber fast jede renommierte Kompanie von New York bis Wien hat brasilianische Topstars in ihren Reihen.

Inês Bogéa, der Leiterin der São Paulo Dance Company, ist es gelungen, in der 22-Millionen-Stadt, die als Kultur- und Wirtschaftsmotor des riesigen Landes gilt, eine junge, aber stolze Ballett-Tradition zu etablieren. Neben dem Heranbilden eines Ballettrepertoires von der alten bis zur modernen Klassik sind die Uraufführungen die wichtigste Säule, auf denen Inês Bogéas Konzept ruht: Sie vergibt fast alle Aufträge an Künstler aus Brasilien, auch für die Ausstattung und die Musik. Wenn sie ab und zu Gäste für Uraufführungen einlädt, dann nur die besten Choreographinnen und Choreographen der internationalen Avantgarde wie Édouard Lock oder Marco Goecke.

Die Direktorin war moderne Tänzerin und Tanzkritikerin, sie ist promovierte Tanzforscherin, Dokumentarfilmerin, Pädagogin, oberste Ballettlobbyistin Brasiliens und „ein Wunder!“, wie Marcia Haydée über sie sagt. Auch weil Bogéa es geschafft hat, inmitten von Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen, trotz der großen Abhängigkeit der brasilianischen Künste von Sponsoren, eine derartige Kontinuität zu schaffen. Die São Paulo Dance Company zeigt nicht nur Aufführungen, zur Institution gehört ein großes Rahmenprogramm, um Brasiliens Publikum fürs Ballett zu begeistern – mit Vorstellungen für Schüler und Senioren oder kostenlosen Aufführungen auf dem Land, mit Workshops, Diskussionen, freien Streams und einer Online-Enzyklopädie zum Tanz in Brasilien. Bogéa zeigt den Brasilianern, wie spannend Ballett ist, und sie zeigt der Welt, wie gut die Brasilianer tanzen und choreographieren.

Drei der Stücke, die ins Festspielhaus kommen, sind Auftragswerke der São Paulo Dance Company: Mit Bildern von Meer und Wind greift die sensible Französin Joëlle Bouvier in „Odisseia“ das brandaktuelle Thema Migration und Flucht auf. Sie ließ sich von der antiken „Odyssee“ des Homer inspirieren. Cassi Abranches stammt aus São Paulo und stieg, seit Inês Bogéa sie mehrmals zu Neukreationen eingeladen hat, zur Direktorin des modernen Balé da Cidade de São Paulo auf. Ihr dynamisches „Agora“, portugiesisch für „Jetzt“, pulsiert zur Musik eines brasilianischen Folk- und Rockkomponisten. Auch Marco Goecke, aktueller Träger des Deutschen Tanzpreises, war bereits in São Paulo zu Gast, von ihm zeigt die Kompanie den zwölf Jahre alten „Pas de deux aus ‚Der Feuervogel‘“ zum triumphalen Schluss von Igor Strawinskys Partitur.

Brandneu ist die deutsche Erstaufführung „Cartas do Brasil“ von Juliano Nuñes, den manch einer vielleicht noch von seiner Zeit als Tänzer bei Gauthier Dance in Stuttgart kennt. Als Choreograph arbeitet er mittlerweile bei den großen Kompanien der Welt. Sein Stück zeige „ein wenig von dem Brasilien, das in mir existiert“, so der Künstler aus Rio de Janeiro. Wie bei Joëlle Bouvier erklingen bei ihm Auszüge aus den „Bachianas Brasileiras“ des Nationalkomponisten Heitor Villa-Lobos. Sie verbinden Brasiliens reiche Melodik und Rhythmik mit den strengen Formen Johann Sebastian Bachs. Auch Juliano Nuñes gehört zu den ballettliebenden Brasilianern, die ins Ausland gingen, um Arbeit zu finden. Bei all dem Ruhm, den sie dort erreichen, kehren viele von ihnen mit Liebe in ihre Heimat zurück, sei es auch nur für ein Projekt. Um ganz dortzubleiben, sind die Arbeitsbedingungen zu unsicher, die Wertschätzung für Ballett ist immer noch zu gering. Doch langsam, mit wunderschönen, kreativen Stücken, geht Inês Bogéas Idee einer brasilianischen Ballettkompanie auf.