20.03.23

Das intelligenteste Orchester, das ich kenne

Harald Hodeige über Richard Strauss und die Berliner Philharmoniker

Der erste Eindruck war mäßig: Nachdem der 19-jährige Richard Strauss am 7. Januar 1884 ein Abonnementkonzert der Berliner Philharmoniker besucht hatte, berichtete er den Eltern, das Orchester sei „nicht besonders“. Vor allem bei Wagner merke man „den kolossalen Unterschied“ zum Orchester des königlichen Hof- und Nationaltheaters München, in dem Strauss’ Vater als Solohornist spielte. „Wie hölzern der Hornist das F-Dur- Motiv herausstolperte!“

Strauss war in die Reichshauptstadt gekommen, um zu netzwerken – mit Erfolg. Denn hier lernte er seinen späteren Mentor Hans von Bülow kennen, damals noch Chef der Meininger Hofkapelle, sowie den Konzertagenten Hermann Wolff, der das Berliner Philharmonische Orchester bei allen administrativen Aufgaben unterstützte. Wolff stellte dem jungen Strauss die Aufführung seiner Werke in den philharmonischen Konzerten in Aussicht. Dem rastlosen Impresario, der an der Gründung der Berliner Philharmoniker maßgeblich beteiligt war, gelang wenig später ein Coup, als er Hans von Bülow (der Strauss 1885 als Kapellmeister an den Meininger Hof holte) zum Wechsel nach Berlin bewegen konnte. Mit Bülows Antrittskonzert am 21. Oktober 1887 begann für das Philharmonische Orchester eine Phase künstlerischer Veredlung. „Bülow“, heißt es in Wilhelm Altmanns 1902 erschienener „Chronik des Berliner Philharmonischen Orchesters“, „ist die eigentliche ,Tradition‘ der Kapelle, ihr unversiegbarer Ruhm, ihr Empfehlungsbrief auf allen ihren großen Konzertreisen.“ Man gab Richard Strauss Gelegenheit, in eigener Sache bei den Bülow-Konzerten mitzuwirken: Am 23. Januar 1888 präsentierte er mit überwältigendem Erfolg seine Sinfonische Fantasie „Aus Italien“. Die Philharmoniker erschienen ihm wie ausgetauscht. „Das Philharmonische Orchester“, berichtete er nach München, „ist das intelligenteste, famoseste und frischeste Orchester, das ich kenne. Die haben die Fantasie gespielt, dass ich meine helle Freude hatte. Sie fassen jede Nuance des Dirigenten, eine Auffassungsfähigkeit, die kolossal ist, dazu technisch vorzüglich.“

Einen kompletten philharmonischen Abend leitete Strauss allerdings erst, als Bülow die Abonnementkonzerte aus gesundheitlichen Gründen abgegeben hatte und Wolff händeringend nach einem Nachfolger suchte. Der Impresario hatte zunächst Ernst von Schuch als ständigen Gast gewinnen können, den langjährigen Dresdner Generalmusikdirektor. Trotz dieser Verpflichtung und weiterer hochkarätiger Gastdirigenten blieb aufgrund der häufigen Wechsel am Pult ein dauerhafter Erfolg der philharmonischen Abende aus. Als Ende Januar 1894 Schuch erkrankte, schlug Strauss’ Stunde: Er übernahm die Leitung des 7. Philharmonischen Konzerts, bei dem unter anderem Beethovens „Pastorale“, Liszts Es-Dur-Klavierkonzert und sein eigener „Don Juan“ zu hören waren. Otto Lessmann resümierte in der „Allgemeinen Musik-Zeitung“: „Diese Konzerte sind unter dem ewigen Wechsel der Dirigenten gegen früher recht heruntergekommen. Rich. Strauss wäre der Mann dazu, sie auf die einstige Höhe zurückzuführen!“

Strauss schien in der Tat der Richtige zu sein – auch weil er sich, wie Altmann in seiner Chronik schreibt, „aufs genaueste an die Bülow’schen Bezeichnungen anschloss“ und nicht „drillte“ wie Schuch. Nach Bülows Tod am 12. Februar 1894 in Kairo vertraute Hermann Wolff Strauss tatsächlich die Abonnementkonzerte der Spielzeit 1894 / 1895 an, ungeachtet der schwierigen Verhandlungen mit dem jungen Dirigenten, der astronomische Gehaltsforderungen stellte. Der Erfolg blieb allerdings aus, was in erster Linie Strauss’ zu „moderner“ Programmgestaltung zuzuschreiben war: Neben Wagner, Liszt und Beethoven brachte er Novitäten wie Max von Schillings Vorspiel zum II. Akt der Oper „Ingwelde“, die Orgelsinfonie von Widor, Stenhammars erstes Klavierkonzert, Eugen d’Alberts Vorspiel zu „Der Rubin“ und Alexander Ritters sinfonischen Walzer „Olafs Hochzeitsreigen“. Am 4. März 1895 lud Strauss zudem Gustav Mahler ein, die ersten drei Sätze aus seiner zweiten Sinfonie in Berlin uraufzuführen, ungeachtet der unternehmerischen Bedenken Wolffs. Die Kritiken fielen verheerend aus. Mahler, der in der Öffentlichkeit in erster Linie als großer Orchesterleiter wahrgenommen wurde, hatte einfach noch kein Publikum. Auch während eines Wien-Gastspiels der Philharmoniker konnte sich Strauss nicht behaupten. Wolff zog die Notbremse und kündigte den Vertrag.

Strauss’ fulminanter Karriere tat der Rausschmiss keinen Abbruch: In München rückte er 1896 zum Hofkapellmeister auf. Am 1. Oktober 1898 übernahm er, neben seinen vielen internationalen Gastdirigaten, das Amt des Ersten Preußischen Kapellmeisters an der Berliner Hofoper. Doch auch der Komponist Strauss, der sich 1889 mit seinem gefeierten „Don Juan“ an die Spitze der „Neudeutschen Schule“ gestellt hatte, feierte zunehmend Erfolge und avancierte zu einem der erfolgreichsten Tonsetzer der Jahrhundertwende: Das Publikum strömte in seine Konzert- und Opernvorstellungen – nicht nur, weil Strauss als Garant für musikalische Höhenflüge galt, sondern auch, weil er immer für eine Überraschung oder einen Eklat gut war. Seine beiden jüngsten Opern „Salome“ und „Elektra“ hatten großes Potenzial zur Provokation gezeigt, wobei gerade die gefeierte Dresdner „Salome“-Premiere am 9. Dezember 1905 unter der Leitung von Ernst von Schuch Strauss’ Ruf besiegelte, zu den führenden Komponisten seiner Zeit zu gehören. Die Premiere des „Rosenkavalier“ am 26. Januar 1911 unter Schuchs Leitung wurde zum bedeutendsten musikalischen Ereignis der Epoche. „Heute“, schrieb Schuch an den Komponisten, „dirigire ich die 8te Aufführung vom ,Rosenkavalier‘. Hunderte wurden, wie bisher bei jeder Wiederholung, zurückgewiesen, und für nächsten Dienstag, den 21ten ist bereits jedes Billett vergriffen.“

Kein Wunder, dass auch in den philharmonischen Konzerten Strauss’ Musik weiterhin regelmäßig zu hören war. Sein „Heldenleben“ etwa, das die Philharmoniker erstmals am 10. November 1902 unter Arthur Nikisch präsentierten, wurde zu Strauss’ Lebzeiten etwa 40 Mal von dem Orchester gespielt – neben Nikisch unter Dirigenten wie Willem Mengelberg, Thomas Beecham, Carl Schuricht und Wilhelm Furtwängler. Natürlich widmete sich das Orchester auch nach Strauss’ Tod regelmäßig seinem Schaffen. „Vier letzte Lieder“ waren erstmals am 22. September 1957 in den philharmonischen Konzerten zu hören, „Die Frau ohne Schatten“ in konzertanter Aufführung und unter der Leitung von Zubin Mehta am 10. November 1990.