Buntes Welttheater

François-Xavier Roth, Solo-Oboist Albrecht Mayer und die Berliner Philharmoniker

Beim ersten Sinfoniekonzert der Osterfestspiele 2022 spielen die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von François-Xavier Roth. Igor Strawinskys Ballettmusik „Der Kuss der Fee“ nach Vorlagen von Tschaikowsky steht am Sonntag, den 10. April 2022 ebenso auf dem Programm wie seine „Petruschka“. Dazu erklingt Bachs Concerto für Oboe dʼAmore und Orchester, dargeboten von Solo-Oboist Albrecht Mayer.

Seine Biographie umfasst Aufenthalte in Russland, Frankreich und den USA mit entsprechenden Wechseln der Staatsbürgerschaften: Der Komponist Igor Strawinsky war das, was man heute einen Weltbürger nennt. Noch viel mehr passt dieser Ehrentitel zu Strawinskys Musik. Die Kreativität des Komponisten machte vor nichts Halt. In seiner so genannten „russischen Phase“, zu der auch das Ballett „Petruschka“ gehörte, eignete sich Strawinsky Techniken der russischen Volksmusik an. Diese wandte er anschließend auf alle möglichen Musikstile an, etwa auf die Barockmusik, Musik der Wiener Klassik, Jazz, serielle Musik, oder auf Musik des russischen Komponisten Peter Tschaikowsky, den Strawinsky sein Leben lang verehrte.

Märchenhafte Ballettmusik

Sein Ballett „Le baiser de la fée“ („Der Kuss der Fee“) schrieb Strawinsky 1928 und bearbeitete es danach wiederholt. Die Suite daraus, die im Konzert am 10. April erklingen wird, stellte der Komponist 1949 zusammen. Das Ballett bezieht sich auf ein Märchen von Hans Christian Andersen. In seiner Vertonung griff Strawinsky, wie er sagt, auf frühe Lieder und Klavierstücke von Tschaikowsky zurück, die er jedoch so weit veränderte, dass man die ursprünglichen Vorlagen kaum wiedererkennt. Festgehalten werden kann der generelle Zugriff auf den Kompositionsstil des von ihm verehrten Vorgängers. So ahmt der Beginn des Balletts erkennbar den Beginn der ersten Sinfonie von Tschaikowsky nach. Strawinskys Tschaikowsky Hommage ist märchenhaft und lyrisch. Sie verzichtet größtenteils auf klangliche und rhythmische Schärfen, die für die Klangsprache des Komponisten ansonsten so charakteristisch sind. Auf Anhieb berühmt wurde Strawinskys frühes „Petruschka“-Ballett, das der Komponist in seiner ersten Fassung 1911 uraufführen ließ. „Petruschka“ ist ‚ganz‘ Strawinsky. Die ungemein originelle Partitur über eine Art russische Pinocchio-Puppe war sofort erfolgreich und katapultierte ihren Schöpfer in die erste Reihe der europäischen Komponisten. Zu ihren Eigenheiten zählt eine virtuose Klavierstimme: Die Petruschka-Musik zeigt durchaus Züge eines Klavierkonzerts.

Reifer Bach

Strawinsky war auch prägend für den Neoklassizismus. Diesen Stil nannten seine Zeitgenossen persiflierend „Bach mit falschen Tönen“. Somit macht sich Musik von Johann Sebastian Bach gut in einem ansonsten reinen Strawinsky-Programm – wenngleich es hier um Bach mit richtigen Tönen geht, sogar mit den allerschönsten. Und Bachs Ästhetik zeigt Parallelen zu der von Strawinsky. Wie Strawinsky machte sich auch der barocke Komponist die Stile anderer Komponisten zu eigen, man denke etwa an Bachs Vivaldi-Paraphrasen. Ebenso scheuten sich Bach wie Strawinsky nicht, die eigene Musik immer wieder neu zu bearbeiten. Bachs Concerto für Oboe dʼAmore und Orchester BWV 1055R ist sogar eine Rück Bearbeitung: Ihr liegt das vierte Cembalo-Konzert in A-Dur BWV 1055 zugrunde. Heute geht man davon aus, dass dieses Cembalokonzert auf ein verlorenes Concerto für Oboe dʼAmore und Orchester zurückgeht. Diese rekonstruierte Urfassung erklingt im Osterfestspiel-Konzert. Das Concerto entstand zwischen 1730 und 1738 und gilt als eines der reifsten von Bach. Besonders ausdrucksvoll ist der mittlere Satz.

Botschafter der Musik

Ganz gleich ob in der Sinfonik oder in der Kammermusik, der Oboist Albrecht Mayer ist ein leidenschaftlicher Botschafter seines Instruments. Seit 1992 ist er Solo-Oboist bei den Berliner Philharmonikern. Neben seiner Tätigkeit im Orchester ist Albrecht Mayer auch kammermusikalisch aktiv. So arbeitete er unter anderem mit Nigel Kennedy und Hélène Grimaud zusammen und gründete das Ensemble New Seasons. Als Solist beschränkt sich Mayer nicht nur auf die Werke für Oboe, sondern schreibt auch Kompositionen für andere Instrumente für Oboe um. Im Fall seiner Händel-Transkriptionen brachte er es so bis in die deutschen Pop-Charts. Für seine Leistungen wurde er mehrfach mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet und erhielt 2006 den E.-T-.A.-Hoffmann-Preis der Stadt Bamberg. François Xavier Roth gilt als einer der charismatischsten und vielseitigsten Dirigenten seiner Generation. Der in Paris geborene François-Xavier Roth ist einer der einfallsreichsten Dirigenten und Programmgestalter der Gegenwart, sei es in seiner Funktion als Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Gründer des Orchesters Les Siècles oder als Erster Gastdirigent beim London Symphony Orchestra. In Köln, wo er seit 2015 sowohl das Gürzenich-Orchester als auch die Oper leitet, sind seine Programme breit gefächert und zugleich tiefgehend, neben neuen Kompositionsaufträgen steht die Pflege des Barock- und Romantik-Repertoires. Zu Projekten von Les Siècles gehört u. a. die Nachempfindung des Originalklangs von Strawinskys „Le sacre du printemps“. 2020 wurde ihm als bisher jüngstem Dirigent der Ehrenpreis der Deutschen
Schallplattenkritik verliehen.