Kammermusik vom Feinsten
Dirigent Yannick Nézet-Séguin führt durch einen Kammermusik-Abend mit seinen musikalischen Freunden. Mitglieder des Chamber Orchestra of Europe und Alexandre Kantorow spielen Werke von Schubert, Mozart, Chopin und Dvořák. Dazu gibt's spannende Gespräche über die Musik und am Ende: begeisterter Applaus! Werfen Sie einen Blick auf die schönsten Momente des Abends.
Pressestimmen
Kammermusik unter Strom
Yannick Nézet-Séguin moderierte nicht im Sinn einer pflichtschuldigen Programmansage, sondern als Gastgeber eines musikalischen Freundeskreises: wach, strahlend, körperlich ganz bei der Sache, mit jener ungeduldigen Energie, die bei ihm nie bloß äußerlich wirkt. Inhaltlich hatte diese Moderation ihren klaren Mehrwert. Besonders gewinnend waren die Gespräche mit den Musikern. Es wurde deutlich, worum es diesem Abend ging: um Begegnung als musikalische Form. Das Entscheidende war, dass die Moderation die Werke zugänglicher machte, ohne sie zu verniedlichen. Nézet-Séguin stellte sich zwischen Publikum und Musik wie ein lebendiger Vermittler, mit offenen Händen, leuchtendem Gesicht. Seine Sympathie war kein Beiwerk des Abends. Sie wurde Teil seiner Dramaturgie.
Mit Schuberts Streichtrio B-Dur D 471 begann der Abend in einer fast unauffälligen Helligkeit. Lucy Gould führte die Violine sanft nach vorn, ohne daraus eine Solistenrolle zu machen. Hélène Clément und Edward Pogossian gaben den Gegenstimmen eine weiche, bewegliche Kontur. Die Akzente saßen mit genügend Druck, wurden aber nie ausgestellt. Genau das war wichtig: Die Musik behielt ihre schlanke Gestalt, ihre Periodik, ihren fast höflichen Puls, und bekam doch jene kleinen Schatten, ohne die Schubert schnell harmlos klingt. Die stärksten Momente entstanden dort, wo das Ensemble den Ton nicht ausweitete, sondern enger führte. Die Melodie durfte singen, aber sie wurde nicht süß.
Mozarts Oboenquartett: Philippe Tondre spielte die Oboe mit glänzender Beweglichkeit, doch der eigentliche Reiz lag in der Balance – und genau darin lag die Qualität dieser Aufführung. Der Applaus nach dem ersten Satz war musikalisch betrachtet falsch platziert, atmosphärisch jedoch verständlich.
Dann Alexandre Kantorow mit Chopins Prélude cis-Moll op. 45. Sein Rubato war fein dosiert. Wenn der Ton voller wurde, blieb die Kontrolle im Anschlag erhalten; selbst die kräftigeren Momente hatten keinen Überdruck. Besonders überzeugend war, wie er nach kurzen Verdichtungen sofort wieder Raum schuf. Nicht als Effekt der Beruhigung, eher als logische Folge der Harmonik. Chopin erschien hier fragil, aber nicht weichgezeichnet.
Dvořáks Klavierquartett Nr. 2 Es-Dur op. 87 wurde zum Zentrum des Abends. gesanglicher Expansion und plötzlicher Beruhigung. Das Ensemble hielt diese Gegensätze zusammen, ohne sie zu glätten. Kantorow war dabei kein dominierender Pianist, obwohl das Klavier eine enorme Präsenz hatte. Er gab Impulse, schärfte Rhythmen, trieb Entwicklungen an. Gould, Clément und Pogossian hielten dagegen mit kantablen Linien, mit dichter Phrasierung, mit großer dynamischer Aufmerksamkeit. Und wie gut die vier Musiker aufeinander reagierten: alles saß, nichts wurde dekorativ ausgeschmückt.
Und weil das alles nicht genug war, gab es als Zugabe noch ganz passend, einen wunderschönen Brahms.
Wochenblatt-Reporter