Fein gewoben

Ein Orchester spielt auf der Bühne, der Dirigent steht mit gehobenen Armen vor den Musikern.
Ein Orchester spielt auf der Bühne, der Dirigent steht mit gehobenen Armen vor den Musikern.

Wäre alles perfekt, bräuchte man Schubert, Weber oder Rachmaninow nicht: Es gäbe nur noch Jubelmusik zu hören. Weil musik zu hören. Weil in unserer unvollkommenen Welt aber kein Licht ohne Schatten ist, hat sich Yannick Nézet-Séguin anders entschieden: Er widmet die Sommerfestspiele 2026 dem Hell-dunkel der Romantiker. Dieser Dirigent liebt das Feine, Leichte, das dennoch schwer zu treffen ist – den Horneinsatz zu Beginn von Webers „Oberon“-Ouvertüre, der mit drei Tönen eine Feenwelt herbeizaubert. Welch klangliche Transparenz! Sie fällt beim geringsten Zuviel in sich zusammen wie ein Soufflé. 

Romantische Meisterwerke also: Wobei das Wort „Meisterwerk“ es nicht ganz trifft. Romantische Kunst gleicht eher einem Baum, der Stürmen standhielt. Nachts sieht er aus wie ein Gespenst – wie Derartiges die Romantiker faszinierte, hört man in Webers erstem Klarinettenkonzert. Mit ihrem düsteren Einstieg kündigt diese Musik einen Krimi an. Solch Schwarzromantisches, Unheimliches wurde zum Signum der Epoche. Auch das Unvollendete: Schuberts h-Moll-Sinfonie liebt man nicht trotz, sondern wegen ihres Beinamens. Musik, die nach Kämpfen still mit einem langsamen Satz schließt – „unvollendet“ ist hier kein Werturteil, sondern Trost. Das Leben ist nicht perfekt. Vollendet ist nur die Vergangenheit, die ein sterbender Tristan einen ganzen Aufzug lang festzuhalten sucht.

Ein klassischer Held möchte jeder sein. Doch sind es Tristan und andere Antihelden, in denen man sich wiederfindet. Man fühlt sich verstanden von romantischer Musik – und folgt gern Webers Hornisten in seine Märchenwelt.

Nach 1850 wurde alles größer: Ensembles, Erwartungen, Streicherteppiche. Am Ende der Entwicklung steht Rachmaninows zweite Sinfonie, ein warmes, schweres, ausladendes Werk, in das man sich fallen lassen kann wie in ein riesiges Hotelbett. Auch hier spukt es schwarzromantisch: In der Musik hat der Komponist das „Dies Irae“ aus der gregorianischen Requiem-Musik versteckt. Das Werk ist herrlich – und doch ästhetisch weit entfernt von der Schnittigkeit einer Mendelssohn-Sinfonie. Nichts zeigt die frühe Romantik so leichtfüßig wie Mendelssohns „Italienische“. Wenn eine Sinfonie vollendet ist, dann diese. Die Töne laufen wie am Schnürchen – es gibt 1.000 schöne Stellen, an denen der Dirigent nicht langsamer werden, nicht sentimental schwelgen darf. Was Mendelssohn mit Rachmaninow und Schubert verbindet, ist derselbe Grundton, der alle Romantiker eint: die Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die Yannick Nézet-Séguin niemals monumentalisiert, sondern durchsichtig macht. Vielleicht ist das der eigentliche Luxus dieses romantischen Sommers: dass etwas so Großes so schwerelos klingen darf.

  • Yannick Nézet-Séguin in a pink hoodie holds a conductor's baton against a neutral background, with a focused expression.
    Orchestra Concert

    Chamber Orchestra of Europe

    Yannick Nézet-Séguin in a pink hoodie holds a conductor's baton against a neutral background, with a focused expression.
  • Yannick Nézet-Séguin in a dark suit holds a baton. The hand motion creates a dynamic blur in the image.
    Orchestra Concert

    Chamber Orchestra of Europe

    Yannick Nézet-Séguin in a dark suit holds a baton. The hand motion creates a dynamic blur in the image.