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- Das Festival in Kürze
Zwei große Tschaikowsky-Klassiker stehen dieses Jahr im Mittelpunkt des Ballettfestivals „The World of John Neumeier“. Seit 2021 kuratiert der legendäre Hamburger Choreograf und Ballettdirektor dieses herbstliche Event und prägt den Oktober im Festspielhaus. Rund um die beiden Handlungsballette ist auch das reiche Rahmenprogramm mit Workshops und Vorträgen bereits weitgehend ausverkauft.
Mit „Illusionen - Wie Schwanensee“ gastiert erneut das Bayerische Staatsballett in Baden-Baden, dort wird Neumeiers Adaption des russischen Klassikers seit 2011 getanzt. Aus gutem Grunde, denn der Choreograf verlegt das Geschehen an den Hof Ludwig II. von Bayern, zeigt den historischen König als Träumer inmitten all seiner Märchenpracht. Zwischen Realität und Wahnsinn sehnt sich der Held auch hier nach seiner Schwanenprinzessin, denn Neumeier behält all die wohlbekannten Szenen der klassischen St. Petersburger Choreografie, den Tanz der weißen Schwäne am See oder den verführerischen schwarzen Schwan. Der böse Zauberer aber wird hier zum Tröster und zum Todesengel des einsamen Königs. Jürgen Roses herrliche, aufwendige Ausstattung wurde von den Schlössern des bayerischen Märchenkönigs inspiriert.
Der „Nussknacker“ war der erste der großen Tschaikowsky-Klassiker, den John Neumeier bereits im Jahr 1971 adaptierte. Seitdem begeistert das Weihnachtsstück die Zuschauer, das Hamburg Ballett bringt ihn nun ins Festspielhaus. Wie so viele von Neumeiers Werken spielt auch diese Geschichte in der Ballettwelt: Die junge Marie bekommt nicht nur einen Nussknacker, sondern auch Spitzenschuhe unter den Baum gelegt und wird auf dem Weg zum Erwachsenwerden von ihrem exzentrischen Paten Drosselmeier in die Welt des Theaters eingeführt. Neumeier zitiert die essenziellen Szenen aus dem alten Klassiker und inszeniert ihn als liebevolle Hommage an den berühmten St. Petersburger Ballettmeister Marius Petipa, einen der wichtigsten Begründer des klassischen Balletts. Auch hier hat Jürgen Rose die farbenprächtige Ausstattung entworfen. Die Philharmonie Baden-Baden und die Württembergische Philharmonie Reutlingen interpretieren Tschaikowskys symphonische, revolutionäre Ballettmusiken.
Als Gastkompanie hat Neumeier das brandneue Ensemble WINNDance eingeladen, das gerade Ende Juli sein internationales Debüt bei der Biennale in Venedig gab. Der Abend „Scirocco“ vereint die beiden Uraufführungen „Bridge of Sighs“, John Neumeiers Hommage an die Seufzerbrücke in Venedig, sowie „Tod in Venedig“ nach Thomas Mann, choreografiert von den sehr unterschiedlichen Tanzschöpfern Imre und Marne van Opstal, Omar Román De Jesús, Rainer Behr und Javier de Frutos. Bei WINNDance zeigen Tänzer über 40 Jahre, eine erlesene Auswahl hochberühmter Solisten und Ikonen aus aller Welt, ihre subtile Ausdruckskraft. „Sie stehen still und sagen trotzdem etwas“, so beschreibt Kompanie-Gründer Marijn Rademaker, ein ehemaliger Solist des Stuttgarter Balletts, die Magie dieser Persönlichkeiten. WINNDance gastiert am 3. und 4. Oktober im Theater Baden-Baden.
Wie bei jedem Neumeier-Festival stellt die Ballettschule des Hamburg Ballett ihre jüngsten Absolventen vor. Das Bundesjugendballett vereint in seinem Programm „The Pursuit of Harmony“ Werke von John Neumeier, Raymond Hilbert, Wubkje Kuindersma und von Sybil Shearer, der hochverehrten amerikanischen Lehrerin Neumeiers. Im von Jahr zu Jahr reicher werdenden Rahmenprogramm finden neben den Klassikern wie Neumeiers Ballett-Werkstatt wieder zahlreiche Workshops und Vorträge statt. So ist auch das „Tanzatelier“ zum Mitmachen für alle bereits ein etabliertes Event, Kinder können sich in mehreren Workshops auf die Spuren der Ballettmärchen begeben.
Ein weiterer Workshop zeigt interessierten Besuchern den „Traum vom Tutu“, mit Kiran West gewährt auch der langjährige Fotograf des Hamburg Ballett einen Einblick in seine Arbeit. Die Tanzjournalistin Dorion Weickmann lädt zum Streifzug durch die Ballettgeschichte, und schließlich spricht der Festivalleiter John Neumeier im Malersaal des Maison Messmer mit Dramaturgin Vivien Arnold über die Kunst des Balletts, die ihn ein Leben lang bis heute fasziniert.
Angela Reinhardt