Mario! Mario! Mario!

Puccinis Porträtkunst kurz erklärt.

In seiner „Tosca“ erweist sich Puccini als genialer Porträtist, der aus zwei, drei Motiven, zwei, drei Tönen eine ganze Figur formen kann. Ein knappes „Che fai?“ von Cavaradossi reicht aus, schon ist er ganz da: Ein schöner, selbstbewusster Freigeist, der die Welt als Abenteuerspielplatz betrachtet. Als Weiteres fällt einem das berühmte Scarpia-Motiv ein: drei Takte zu Beginn des Stücks, die eine Ouvertüre ersetzen und den Bösewicht des Werkes so unvergesslich ins Bewusstsein bringen, dass man sich fragt, warum diese Oper eigentlich „Tosca“ und nicht „Scarpia“ heißt.

Scarpias Motiv ist eine komplizierte harmonisch-melodische Formel, die kaum weiterentwickelt wird. Die Statik ist Programm: Scarpia ist mehr als eine Person, Scarpia ist ein Prinzip. Es ist das Böse schlechthin, das sich in der Figur des sadistischen Polizeichefs verkörpert. Nachdem Tosca Scarpia erstochen hat, wirkt es weiter als intrigante Kraft, die den Tod Cavaradossis und Toscas erwirkt. Tosca ist eine im Innern zutiefst verletzte Frau. Ihre sprunghafte Eifersucht lässt auf großen inneren Schmerz schließen, auf Wunden, die Toscas Schönheit und Kunst Charisma verleihen.

Toscas Schmerz erhält in der Oper eine ganz eigene Präsenz: Er wird nicht weiter erklärt, bricht jedoch immer wieder vulkanartig aus. Bereits ihr erster Auftritt beginnt mit einem dreimaligen Schrei, dem vom Orchester unbegleiteten „Mario! Mario! Mario!“. Drei identische fallende Quarten: Mit dieser Formel, die nur ein einziges Mal erklingt, aber ungeheure Wirkung erzielt, lässt uns Tosca tief in ihre Seele blicken. Solche Verdichtung einer Person auf eine Geste macht einen guten Porträtisten aus. Es berührt eigenartig, dass Cavaradossi, der Liebhaber Toscas, als Maler genau dieses Genre ausübt – ein Kenner weiblicher Schönheit, mit dem sich Puccini offenbar identifizierte.

Foto: Der Portraitist Cavaradossi bei der Arbeit. (Foto: Monika Rittershaus)