„Paradiesfrüchte" bei den Herbstfestspielen

In Köthen herrschte bestes Klima für Bachs Orchesterwerke

von Markus Rathey

Im Leben eines Künstlers gibt es Phasen, in denen fast alles stimmt, damit die Kunst gedeiht. Für Johann Sebastian Bach waren dies die Jahre in Köthen. Seit 1717 wirkte er dort als Musikdirektor. Die Arbeitsbedingungen hätten vorteilhafter kaum sein können. Fürst Leopold war musikbegeistert – und er war bereit, sich diese Begeisterung einiges kosten zu lassen: Er stellte eine ausgezeichnete Hofkapelle zusammen, die unter der Leitung Bachs regelmäßig für ihn musizierte – virtuose und experimentierfreudige Musiker, mit denen man etwas wagen konnte. Ein herber Schlag in diesen glücklichen Jahren war der plötzliche und unerwartete Tod von Bachs erster Ehefrau Maria Barbara. Sie starb 1720 mit nur 35 Jahren. Bach war mit seinem fürstlichen Dienstherrn verreist – als er zurückkehrte, war Maria Barbara schon beerdigt. Lang allein blieb Bach nicht. Im folgenden Jahr heiratete er Anna Magdalena Wilcke, eine junge Sopranistin der Hofkapelle. Bach konzentrierte sich in Köthen auf das Komponieren von Instrumentalwerken. In dieser Zeit entstanden die sechs Brandenburgische Konzerte. Sie sind der klingende Beweis für Bachs künstlerische Aufbruchsstimmung. Wer von barocker Dutzendware spräche – jenen pflichtschuldig komponierten Sammlungen von zwölf (oder oft sechs) ähnlichen Stücken, wie sie in dieser Epoche üblich waren –, der hätte die Brandenburgischen Konzerte noch nicht gehört. Ja, es sind sechs Konzerte. Aber keines gleicht dem anderen. Bach nutzte die Köthener Kapelle als Labor für musikalische Experimente. Das erste Brandenburgische Konzert ist eine höfische Jagdszene: Die Jagdhörner blasen in den Orchestersatz hinein, als ob sie es kaum erwarten könnten, endlich loszupreschen. Im vierten Konzert gibt Bach den Solopart der Geige und zwei Flöten. Allerdings dominiert die Geige über weite Strecken, sodass man von einem verkappten Violinkonzert mit leisem Flötensäuseln sprechen kann. Im fünften Brandenburgischen lässt Bach keinen Zweifel aufkommen, wer der Solist ist: er selbst! Bach, der von seinen Zeitgenossen als Cembalist und Organist gerühmte Musiker, setzt sich hier ein Denkmal. Bach ging es gut in Köthen – vielleicht zu gut, um von Dauer zu sein. Das Klima änderte sich. Fürst Leopold heiratete und, wie Bach in einem Brief an einen Freund schreibt, seine Auserwählte mochte Musik nicht. Daher musste der Fürst seine Ausgaben für die Tonkunst zurückschrauben. Für Bach hatte das bisher so paradiesisch anmutende Köthen seinen Glanz verloren. Er hielt Ausschau nach einer neuen Stelle und sandte eine Sammlung seiner fantasievollsten und interessantesten Konzerte an den Hof in Brandenburg. Genau aus diesem Grund kam das halbe Dutzend zu seinem geläufigen Namen „Brandenburgische Konzerte“. Nur: In Brandenburg blieb die Sendung offenbar liegen. Eine neue Stelle sprang nicht heraus für den Absender. Bach blieb noch eine Weile in Köthen, bis er 1723 mit seiner Familie nach Leipzig ging, um dort die Stelle des Thomaskantors anzutreten. Mit im Gepäck: eine Abschrift der Konzerte, Dokument eines Instrumentalkomponisten auf der Höhe seiner Kunst.

Eine Zeichnung aus dem Jahr 1710 von zwei Personen, die Musik spielen vor Publikum.
  • Teodor Currentzis leitet ein Orchester während eines Konzerts. Im Hintergrund sieht man Musiker mit Streichinstrumenten. Die Atmosphäre wirkt konzentriert.
    Orchesterkonzert

    Utopia Orchestra

    Teodor Currentzis leitet ein Orchester während eines Konzerts. Im Hintergrund sieht man Musiker mit Streichinstrumenten. Die Atmosphäre wirkt konzentriert.
  • Das Balthasar-Neumann-Orchester in dunkler Kleidung steht in einem Industrieraum mit Instrumenten. Sie bereiten sich auf einen Auftritt vor.
    Orchesterkonzert

    Johann Sebastian Bach

    Das Balthasar-Neumann-Orchester in dunkler Kleidung steht in einem Industrieraum mit Instrumenten. Sie bereiten sich auf einen Auftritt vor.
  • Erica Eloff in einem eleganten schwarzen Kleid steht in einem opulenten Raum mit kunstvollen goldenen Verzierungen.
    Chor & Oratorium
    Erica Eloff in einem eleganten schwarzen Kleid steht in einem opulenten Raum mit kunstvollen goldenen Verzierungen.
  • Dirigent Pablo González in Aktion leitet ein Orchester, im Hintergrund sind verschwommene Lichter eines Konzertsaals zu sehen.
    Orchesterkonzert, Chor & Oratorium
    Dirigent Pablo González in Aktion leitet ein Orchester, im Hintergrund sind verschwommene Lichter eines Konzertsaals zu sehen.