Musikalisch und menschlich

Carolina López Moreno über ihre Rolle der „Mimì" in Puccinis „La Bohème"

Wie findet eine Sängerin ihren eigenen Zugang zu „Mimì"? ✨

Carolina López Moreno spricht über ihre Rolle in „La Bohème", ihre Vorbilder, Freundschaft und eine ganz besondere Reise nach Paris.

Was bedeutet Dir die Oper „La Bohème“ – gibt es etwas Persönliches, das Du damit verbindest?

„La Bohème“ bedeutet mir sehr viel – ich liebe diese Oper mit meinem ganzen Herzen. Ich liebe es, die Geschichte von Mimì zu erleben, zu erzählen und zu fühlen, weil diese Liebesgeschichte für mich unglaublich besonders und intensiv ist. Aber was mich fast noch mehr berührt als die Liebesgeschichte selbst, ist die Gemeinschaft der Figuren – die Freundschaft zwischen Rodolfo, Marcello, Colline, Schaunard, Mimì und auch die besondere Verbindung zu Musetta. Was sie am Ende alle vereint, ist nicht Perfektion oder Erfolg – sondern Liebe, Leidenschaft und der Versuch, das Leben gemeinsam zu tragen und auf die schönste Weise zu leben, die ihnen möglich ist. Persönlich verbinde ich allerdings nie mein eigenes Leben mit einer Rolle. Für mich ist das Persönlichste, was ich als Künstlerin tun kann, nicht etwas auf die Figur zu projizieren, sondern sie in diesem Moment wirklich zu verkörpern und an das zu glauben, was sie erlebt. Und genau das ist für mich jedes Mal eine unglaublich intensive Erfahrung.

Was magst Du besonders an Deiner Rolle in Puccinis „La Bohème“?

Was ich an Mimì besonders liebe, sind die Momente, die Puccini erschaffen hat. Ich liebe die Aufmerksamkeit für die kleinen Details und die Schönheit jeder einzelnen Szene – wie er Erinnerungen, Begegnungen und Gefühle erzählt und ihnen musikalisch so viel Bedeutung gibt. Besonders berührt mich, dass man in „La Bohème“ die unterschiedlichen Phasen einer Beziehung erleben kann: das Kennenlernen, die Leichtigkeit, die Sehnsucht, die Distanz, die Hoffnung und die Liebe. Puccini erzählt all das mit einer solchen emotionalen Intensität und gleichzeitig mit so viel Schönheit, dass man es nicht nur singt – man erlebt es wirklich.

Gibt es etwas an deiner Rolle, das dich manchmal stört oder herausfordert?

Eigentlich gibt es nichts an Mimì, das mich stört oder herausfordert. Nicht, weil die Rolle einfach wäre – ganz im Gegenteil – sondern weil ich versuche, eine Rolle nicht zu bewerten. In dem Moment, in dem ich anfange zu denken „das mag ich nicht“ oder „das ist schwierig“, erschaffe ich mir als Interpretin oft selbst ein Hindernis. Ich versuche stattdessen, die Figur anzunehmen und zu verstehen, warum sie so ist, wie sie ist – musikalisch und menschlich. Und ich glaube, wenn ich wirklich das Gefühl hätte, dass ich mit einer Rolle in Widerstand gehe oder etwas Grundsätzliches nicht mittragen kann, dann würde ich sie wahrscheinlich gar nicht annehmen.

Hast Du ein Vorbild für deine Interpretation – eine Sängerin, die dich als Mimì besonders beeindruckt hat?

Ganz klar ist meine Maestra Donata D’Annunzio Lombardi eine große Inspiration für mich. Ich liebe die Art und Weise, wie sie Mimì interpretiert – nicht nur musikalisch, sondern auch als Persönlichkeit und als Mensch. Und dann gibt es einen Film, der mich sehr geprägt hat: die Verfilmung von „La Bohème“ mit Anna Netrebko und Rolando Villazón. Als junges Mädchen hat mich diese Aufnahme unter anderem dazu inspiriert, mich noch mehr mit Oper auseinanderzusetzen und mich in diese Kunstform zu verlieben. Es gibt natürlich unzählige große Künstlerinnen, die diese Rolle auf wunderschöne Weise interpretiert haben. Und selbstverständlich gehört auch Maria Callas zu den Persönlichkeiten, die mich tief beeindrucken. Aber am Ende versuche ich nicht, jemanden nachzuahmen. Ich lasse mich inspirieren und suche dann meinen eigenen Weg, die Figur wahrhaftig zu erleben und zu erzählen.

Leben wie ein Bohemien – wie viel davon steckt in deinem Leben als Sängerin?

Ich glaube: alles. Natürlich nicht im klassischen romantischen Sinn – aber dieses Leben zwischen Kunst, Reisen, Begegnungen, Intensität und dem ständigen Wechsel von Orten und Welten kenne ich sehr gut. Als Sängerin lebt man oft in einem besonderen Rhythmus. Man kommt in eine neue Stadt, trifft Menschen, arbeitet sehr intensiv miteinander, erzählt gemeinsam Geschichten – und irgendwann zieht man wieder weiter. Dieses Leben verlangt Freiheit, Offenheit und auch ein gewisses Vertrauen in den Moment. Deshalb fühle ich mich der Welt von „La Bohème“ in vieler Hinsicht sehr nah.

In „La Bohème“ geht es viel um Freundschaft. Welche Eigenschaft schätzt Du bei einem Freund oder einer Freundin am meisten?

Ehrlichkeit, Vertrauen, Zuverlässigkeit, Liebe, Schutz und Loyalität. Ich glaube, wahre Freundschaft entsteht für mich dort, wo man sich sicher fühlt und ganz man selbst sein kann – ohne etwas darstellen zu müssen. Und genau das liebe ich auch an „La Bohème“: Diese Menschen tragen sich gegenseitig durch das Leben. Nicht, weil alles perfekt ist, sondern weil sie füreinander da sind.

Worauf freust Du Dich am meisten, wenn Du zum Vergnügen nach Paris reist?

Ich war tatsächlich schon einmal in Paris – damals mit meiner Familie – und ich habe diese Reise sehr geliebt. Wir haben die Stadt entdeckt, viele Orte angeschaut und ich erinnere mich sehr gerne an diese fast ein bisschen touristische Art zu reisen, weil wir dabei als Familie schöne Momente erlebt und gemeinsam viel gesehen und gelernt haben. Wenn ich jetzt spontan sagen müsste, worauf ich mich am meisten freuen würde, wenn ich privat nach Paris reise, dann könnte ich das gar nicht so leicht beantworten. Vielleicht eher auf Erinnerungen als auf einen konkreten Ort. Und gleichzeitig würde ich mich wahrscheinlich freuen, Menschen wiederzusehen, durch die Stadt zu laufen – und vielleicht noch einmal die Nike im Louvre zu besuchen. Bis heute ist sie eine der schönsten Skulpturen, die ich je gesehen habe.

Wie verbringst Du am liebsten Deinen Tag, wenn Du abends eine große Rolle singen musst?

Am liebsten ganz entspannt. Ich schlafe gerne lange, stehe in Ruhe auf und versuche, den Tag ohne Stress zu verbringen. Ich koche mir etwas Leckeres, esse in Ruhe und gehe vielleicht noch eine kleine Runde mit Ilia spazieren oder spiele mit ihr. Ich liebe lange, heiße Duschen, Musik und diese ruhigen Momente vor einer Vorstellung – einfach atmen, bei mir ankommen und dem Tag seinen Raum geben. Und dann freue ich mich darauf, entspannt ins Theater zu gehen und wieder in die Haut eines Charakters zu schlüpfen – seine Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern sie für diesen Abend wirklich zu erleben.

Was sollte man als Sänger auf keinen Fall tun, wenn man abends eine große Rolle singen muss?

Ich würde versuchen, alles zu vermeiden, was unnötig Energie, Kraft oder Stimme kostet. Zum Beispiel Streit, lange Telefonate oder Situationen, in denen man plötzlich anfängt, Probleme zu lösen oder sehr viel Energie in andere Dinge zu investieren. Vor einer großen Rolle versuche ich, meine Energie bewusst bei mir zu behalten – nicht aus Distanz, sondern weil ich glaube, dass man auf der Bühne sehr viel von sich gibt. Und genau deshalb versuche ich, davor möglichst ruhig, präsent und bei mir selbst zu bleiben.

Was wäre Deine Traumrolle, wenn Du Tenor, Bariton oder Bass wärst?

Das ist eine unfassbar schwere Frage, weil es wirklich so viele großartige Rollen gibt. Aber wenn ich spontan wählen müsste, wären meine ersten drei wahrscheinlich: Als Tenor ganz klar Mario Cavaradossi aus „Tosca“. Als Bariton würde ich Macbeth wählen. Und als Bass wäre es wahrscheinlich Méphistophélès aus „Faust“. Aber ehrlich gesagt könnte ich diese Antwort morgen wahrscheinlich schon wieder anders beantworten – es gibt einfach zu viele unfassbar schöne Rollen.

Welche Rolle wünschst Du Dir für Deine zukünftige Karriere am meisten?

Ich wünsche mir für meine zukünftige Karriere auf jeden Fall Rollen, die mich noch mehr fordern – musikalisch, psychologisch und in ihrer Komplexität. Zu meinen absoluten Lieblingsrollen – stimmlich genauso wie menschlich – gehören schon jetzt Butterfly, Marguerite in „Faust“, Manon Lescaut, Leonora in „Il Trovatore“, Adriana Lecouvreur und auch Suor Angelica. Und ich würde mich unglaublich freuen, in Zukunft noch weitere große Frauenfiguren erleben zu dürfen – unter anderem Desdemona, Aida, Tosca, Maria Stuarda, Anna Bolena, Elisabetta in „Roberto Devereux“ oder Odabella in „Attila“. Mich faszinieren Rollen, die nicht nur stimmlich große Möglichkeiten bieten, sondern viele Ebenen haben – Figuren, die intensiv fühlen, sich verändern und ein ganzes menschliches Universum in sich tragen.