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Boris Godunow - Oper - Premiere der Neuinszenierung
BADEN-BADEN - "Boris Godunow" ist neben Wagners Musikdramen die vielleicht einflussreichste Oper ihres Jahrhunderts. Im Festspielhaus Baden-Baden erklingt zum Auftakt der Sommerfestspiele 2012 am Freitag, 20. Juli um 19 Uhr sowie am Sonntag, 22 Juli um 18 Uhr das russische Nationalheiligtum in einer rein russischen Besetzung unter Valery Gergiev.
Der Reclam Opernführer ist eindeutig: "Nächst Richard Wagners Tristan und Isolde hat kaum ein anders Werk so zukunftweisend und anregend auf die Entwicklung der Oper gewirkt wie Boris Godunow." Besonders der französische Impressionismus um Debussy und Ravel hätte sich ohne dieses Vorbild anders entwickelt. Doch es ist nicht nur die rein historische Bedeutung, die den "Boris" zu einer der bedeutendsten Opern überhaupt macht, sondern die bleibende Qualität der Musik Mussorgskys: Überwältigende Chorpartien wechseln sich ab mit psychologischen Monologen, Volksliedern und Wahnsinns-Szenen (im übertragen wie wörtlichen Sinne).
Problematische Entstehungsgeschichte
Wie viele Werke Mussorgskys hatte auch der "Boris" eine problematische Entstehungsgeschichte. Vom Komponisten selbst stammen zwei Versionen des Werks; die spätere ergänzt die Handlung um eine Liebesgeschichte und nähert sich so den Konventionen der romantischen Opern. Dabei wird jedoch die Gradlinigkeit der ursprünglichen Handlung geopfert, so dass man sich heute meist für die erste Fassung zu entscheiden pflegt. Doch welche "erste Fassung"? Generationen mussten sich mit einem falschen "Boris" begnügen. Mussorgskys Version war so ungewöhnlich für ihre Zeit, dass sie bald von dem Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow tiefgreifend bearbeitet und uminstrumentiert wurde. Diese Bearbeitung wurde bis in die siebziger Jahre hinein gespielt; 1959 erklang zum ersten Mal eine Neuistrumentierung des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Heute verstören die kühnen Ideen Mussorgskys kaum mehr und so erklingt in der Baden-Badener Neuinszenierung die beste Version - nämlich die von Mussorgsky selbst in der ersten Fassung von 1868/69.
Politischer Krimi
Die Handlung nach einem Drama von Alexander Puschkin erzählt einen politischen Krimi. Boris Godunow ließ den jungen Thronfolger Dimitri ermorden und ist so selbst Zar geworden. Die Oper beginnt kurz vor der festlichen Krönungszeremonie; das Volk wird mit Peitschen zum Jubeln angehalten, Boris jedoch sperrt sich. Er ist am Ziel seines Lebens angelangt, doch plagen ihn Gewissensbisse. Eine Rückkehr ist unmöglich, das Volk jubelt, Boris wird gekrönt. Jahre später in einer Klosterzelle: Der junge Mönch Grigorij hört die Legende vom ermordeten Thronfolger Dimitri. Dieser müsste jetzt im Alter Grigorijs sein. Der Mönch verlässt sein Kloster und gibt sich vorm Volk als der eigentliche Thronfolger aus, der den Anschlag überlebte. Währenddessen regiert Zar Boris, privat ein liebevoller Vater, das Volk mit strenger Hand. Im Kreml fühlt er sich von Verrätern umzingelt und traut niemandem. Als er von dem aufständischen Grigorij hört, der das Volk aufwiegelt und Truppen sammelt, überfallen ihn Gewissensbisse. Er hat Visionen, in denen ihm der tote kleine Dmitri erscheint. Das politische Agitationsgenie Grigorij wird immer stärker; der ausgelaugte Boris hingegen übergibt die Macht an seinen jungen Sohn und stirbt. Der Bürgerkrieg ist am Höhepunkt angelangt. Das letzte Wort der Oper gehört einem Narr: "Wehe dir, du armes Volk".
Neuinszenierung in Baden-Baden
Die Neuinszenierung im Festspielhaus Baden-Baden ist eine Koproduktion mit dem Mariinsky-Theater St. Petersburg unter der musikalischen Leitung von Valery Gergiev. Sie schreibt eine Erfolgsgeschichte fort, die mit der Historie des Festspielhauses eng verknüpft ist. Valery Gergiev und sein Mariinsky-Orchester haben das Eröffnungskonzert gestaltet und sind dem Haus seitdem verbunden. Diese Partnerschaft ist gegenseitig: In den letzten Jahren begleitete das Festspielhaus Baden-Baden mit zahlreichen Koproduktionen die Entwicklung des Mariinsky-Theaters vom Realismus sozialistischen Prägung weg, hin zu einer eigenen, unabhängigen Theaterhandschrift in Zusammenarbeit mit internationalen Regisseuren. Produktionen wie der "Ring des Nibelungen", Jenufa, oder ein Puccini-Projekt stehen für die Erweiterung des Spektrums über die russische Operngeschichte hinaus. Doch auch die russischen Opern werden moderneren Betrachtungsweisen unterzogen: Dafür stehen zahlreiche Tschaikowski-Opernaufführungen (unter anderem die Yolantha mit Anna Netrebko), und nicht zuletzt "Boris Godunow": Nach einer Aufführung im Jahr 2002, die noch den sowjetischen Traditionen verpflichtet war, folgt nun ein neuer "Boris" unter der Regie von Graham Vick.
Regisseur Graham Vick
Graham Vick gilt als der wichtigste Opernregisseur Großbritanniens. Nachdem er mit 24 Jahren seinen ersten Achtungserfolg erzielte, gründete der Künstler eine kleine Truppe, mit der er durch Schottland fuhr. 1984 wurde er künstlerischer Leiter der Scottish Opera. 1987 gründete er dann die "City of Birmingham Touring Opera" (CBTO), eine Opernkompanie, die bei ihren britischen Tourneen Opernproduktionen in kleine Städte und Gemeinden brachte. Heute arbeitet der Regisseur auf allen großen Bühnen der Welt, so auch zum wiederholten Mal mit dem Mariinsky-Theater. Stuard Nunn besorgt die Ausstattung, Giuseppe di Lorio übernimmt das Licht in dieser Koproduktion zwischen den Mariinsky-Theater und dem Festspielhaus Baden-Baden.
Weitere Informationen und Eintrittskarten: Tel. +49 7221 3013-101 oder www.festspielhaus.de


