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Claudia Cardinales Kleid
Hinter den Kulissen der Opern-Neuproduktion „Der Liebestrank“ werden gerade Kostümkisten ausgepackt. Der belgische Designer Thibaut Vancranenbroek hat sich in der legendären römischen Kostüm-Schneiderei Tirelli inspirieren lassen. Dort entstanden einst die Kleider für Filme wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Es war einmal in Amerika“.
Wenn Thibaut Vancranenbroek vom römischen Kostümfundus Tirelli erzählt, kommt er schnell ins Schwärmen. „Dieser Laden ist einfach nur groß – sehr groß“, sagt der international renommierte Kostüm- und Bühnenbildner mehrdeutig, der gerade in Baden-Baden dutzende Kleider, Hosen und Mäntel auspackt.
Für die Neuinszenierung der komischen Oper „Der Liebestrank“ von Gaetano Donizetti (Premiere am 28. Mai 2012) hat der belgische Künstler die Kostüme entworfen. Regisseur Rolando Villazón, der auch die Rolle des Nemorino singen wird, gab ihm zur Aufgabe, einen typischen „Western“ auszustatten und Vancranenbroek nutzt dies für eine tiefe Verbeugung vor der Kostümkunst der Sartoria Tirelli und ihrer meisterhaften Schneiderinnen und Schneider.
„Ich dachte sofort an die legendären Italo-Western des Sergio Leone“, als Rolando mit mir gesprochen hatte, erinnert sich Vancranenbroek, der sich zusätzlich vom französischen Comic-Zeichner Jean Giraud alias Moebius inspirieren ließ. Der franko-belgische Zeichner schuf seine berühmten „Blueberry“-Comics mit Western-Sujets zwischen den 1960er und 1990er Jahren.
Für seine Kostüme landete Vancranenbroek schließlich bei den Experten von Tirelli, die die meisten Sergio-Leone-Klassiker ausgestattet hatten, damals, als Italo- oder „Spaghetti“-Western in der römischen Filmstadt Cinecitta statt im echten Wilden Westen gedreht wurden.
Im Allgemeinen schenken Filmzuschauer den Kleidern eher weniger Beachtung, aber gerade die Kostüme können den Charakter der Figuren und die Atmosphäre eines Films prägen. Die Kostüme aus Filmen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Zeit der Unschuld“ und „Der englische Patient“ stammen allesamt aus der legendären Schneiderei Tirelli in Rom, die seit über 40 Jahren in der Filmszene für aufwändige Kostüme bekannt ist.
Der Erfolgsgeschichte der Sartoria liegt eine schlichte Faszination an alten Kleidern zugrunde. Umberto Tirelli war ein leidenschaftlicher Sammler: Um Stoffe und Schnitte zu studieren, stöberte er auf Flohmärkten und Dachböden aristokratischer Haushalte. Seine private Sammlung umfasst mehr als 15000 Kleidungsstücke und gehört zu den weltweit wichtigsten -Sammlungen.
Tirelli beschränkte sich aber nicht nur auf das Sammeln historischer Kleidungsstücke, vielmehr war es ihm ein Anliegen, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er initiierte Ausstellungen und „Kleiderspenden“ für renommierte Museen in New York, Tokio und Paris.
Die Gründung der Sartori Tirelli geht auf das Jahr 1964 zurück. Alles begann mit zwei Nähmaschinen, fünf Schneiderinnen, einem Hutmacher, einer Sekretärin und einem Lageristen. Nach dem ersten Auftrag für eine Theaterproduktion folgten gleich weitere auch für Opern- und Filmproduktionen. Zusammen mit Piero Tosi, der als junger Kostümbilder einer der wichtigsten Mitarbeiter des italienischen Theater- und Filmregisseurs Luchino Visconti wurde, sollten sie die Art und Weise, wie Opernsänger, Theater- und Filmschauspieler eingekleidet werden, verändern. Sie machten aus ihnen andere Menschen und verwandelten sie in die Figuren, die sie darstellten.
Inzwischen hat die Schneiderei Tirelli eine Kostümschule begründet, die bis heute fortbesteht und aus der die gefragtesten Schneider hervorgingen. Die Kostüme, die Piero Tosi in der Sartoria Tirelli kreierte, wurden mehrfach mit dem Oscar ausgezeichnet, so unter anderem für „Der Leopard“, „Der Tod in Venedig“, „Ludwig II.“, „Ein Käfig voller Narren“ und „La Traviata“. Nach dem Tod des Gründers Umberto Tirelli wird das legendäre Unternehmen über seine Freunde und Erben unter Dino Trapetti weitergeführt. Und noch heute übt die Schneiderei Tirelli auf Designer und Kostümbildner eine magische Anziehungskraft auf. „Dort findet man die besten Hut- und Schuhmacher“, sagt Thibaut Vancranenbroek, dem es auch beim Baden-Badener „Liebestrank“ auf jedes Detail ankommt. Historische Knöpfe, Bänder oder Accessoires: Tirelli hat die Originale und kann sogar mit alten Stoffen aushelfen, wenn neue Kleider daraus geschneidert werden sollen.
Für das Festspielhaus Baden-Baden suchte sich Thibaut Vancranenbroek nun die schönsten Details der alten Western-Kostüme von Tirelli aus, um sie zu neuen Kreationen miteinander zu verbinden.
Auf der Opernbühne werden aber auch echte Filmkostüme aus der Zeit der „Italo-Western“ getragen. Diese bekommen vor allem die Sängerinnen und Sänger des Balthasar-Neumann-Chores, die ebenfalls beim neuen Baden-Badener „Liebestrank“ mit von der Partie sein werden.
Die Solisten der Oper tragen die neuen Kreationen von Thibaut Vancranebroek und können stolz sein, denn diese Schnitte oder Ornamente dieser Kostüme trugen bereits so oder so ähnlich Filmstars wie Claudia Cardinale, Charles Bronson oder Henry Fonda.







