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Schwanenzauber
Festspielhaus-Sommerseminar: Erwischt!
Es gibt Komponisten, die wollten niemals klauen. Doch wenn sie schon mal eine Idee aufgriffen, dann nur um das so schlechte aber interessante Original zu verbessern, also eigentlich: zu retten. Ob Peter Tschaikowsky so dachte? Kann sehr gut sein. Von der Musik des Originals – und es war immerhin Wagner! – hielt er nämlich nicht viel.

Liebhaber der Horoskope müssen umdenken: Obwohl Peter Tschaikowsky und Johannes Brahms am selben Tag Geburtstag hatten (7. Mai), unterschieden sie sich in ihrer Ästhetik komplett. Dabei kannten beide einander, gingen höflich miteinander um und verachteten die Musik des jeweils anderen von Herzen. Wir werden diese heute nicht vergleichen, denn dass einer vom anderen irgendetwas geklaut hätte, ist weder bekannt noch heraushörbar. Diese kleine Gegenüberstellung hier verfolgt nur den Zweck, Tschaikowskys Haltung zu verdeutlichen: Während Brahms in schon geradezu postmoderner Weise seine Vorbilder zitierte, bestand Tschaikowsky auf eigene Einfälle. Der Russe war überzeugter Vertreter der Einfallsästhetik. Die Einfälle erschienen ihm dann am wertvollsten, wenn er sie ganz frisch und neu wie aus dem Nichts heraus empfing. Doch manchmal wurde auch Tschaikowskys Ideenfindung durch die Musik anderer beeinflusst – ein Umstand, den der Komponist selbst wohl nur ungerne zugegeben hätte.
Der Fall betrifft die berühmteste Melodie seines berühmtesten Ballettes, des „Schwanensee“. Diesem Ballett liegen deutsche Einflüsse zugrunde, die damals in der Luft lagen: Dass der Prinz Siegfried heißt, ist Ausdruck dieser Mode, wie überhaupt die ganze Art der Romantik (schwarzer und weißer Schwan, Erlösung) ziemlich germanisch anmutet, genauer gesagt: wagnerianisch.
Denn zuvor hatte eine Oper Furore gemacht, in der ebenfalls schon ein verzauberter Schwan eine Rolle spielte: Wagners „Lohengrin“. Tschaikowsky kannte das Werk (seine Ablehnung der Musik Wagners war nicht so eindeutig, wie der von Brahms). Und es ist auffällig, dass ein Leitmotiv der Oper in einer ähnlichen Form in seinem Ballett auftaucht. Hören wir zuerst Wagners Motiv: „Nie sollst du mich befragen“
Nun vergleichen Sie dessen Anfang mit dem des Leitmotivs aus „Schwanensee“. Und warten Sie auf die Stelle, an der dieser Melodieanfang im Forte erklingt, dann ist die Parallele eindeutiger.
Lustigerweise ist Tschaikowskys Zweitversion noch populärer geworden als das ebenfalls berühmte Original. Wenigstens kann man zusammenfassen: Die Forderung „Nie sollst du mich befragen“ ging schon nicht auf; mit der ähnlichen Bitte „Nie sollst du mich beklauen“ hatte es Tschaikowsky immerhin versucht.
›› Live im Festspielhaus: Schwanensee




