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Floskeln
Festspielhaus-Sommerseminar: Erwischt!
Manche Werke gleichen Jungbrunnen: Immer neue Komponisten haben sich aus ihnen bedient. Modest Mussorgskys eben im Festspielhaus verklungener "Boris Godunow" ist so ein Fall; der immense Einfluss dieses Stückes reicht über Debussy und Respighi bis zu Gustav Mahlers "Lied von der Erde". Oder sind folgende Parallelen doch nur zufällig?

Nicht immer lassen sich Einflüsse genau herleiten, oft denkt man auch: Lag dieses Motiv, diese musikalische Figur, in diesen Jahren vielleicht in der Luft? Manche Floskeln sind so einfach und dabei so genial und wirkungsvoll, dass man sich fragt, warum sie nicht zuvor schon entwickelt und verwendet wurden. Dass sie dann urplötzlich und geradezu epidemisch auftreten, wundert einen dann nicht mehr, denn wie gesagt: Diese Floskeln funktionieren einfach zu gut.
Wir beginnen heute mit einer Musik, die erst vor kurzer Zeit in Festspielhaus Baden-Baden verklungen ist: Mussorgskys "Boris Godunow". Diese Oper hat im Schaffen vieler Komponisten ihre Spuren hinterlassen. Das Werk zeichnet sich durch überwältigende Partien aus. Eine ihrer weitreichendsten Ideen wirkt jedoch ganz schlicht: Lange, simple Floskelketten von Bratschen gespielt, zeigen wie in einem Kloster die Zeit vergeht oder eigentlich auch nicht vergeht. Arbeit, Gebet, Innenschau, Arbeit, Gebet, Innenschau:
Dieser "Boris" wirkte auf den französischen Komponisten Claude Debussy wie eine Tür zu neuen, unerforschten Welten. Als Debussy seine eigene Oper "Pelléas et Mélisande" komponierte, hatte er Mussorgskys Meisterwerk gründlich studiert. Das hört man dann auch:
Der italienische Komponist Ottorino Respighi war sehr von Debussy beeinflusst und hat auch in Russland studiert. So lässt sich schwer sagen, ob nun Mussorgsky oder Debussy die Vaterschaft für Folgendes gebührt. Oder doch etwa Gustav Mahler? Das folgende Beispiel ist das jüngste der hier erklingenden:
Der Fall Mahler. Hat denn Gustav Mahler irgendwo einmal nicht "abgeschrieben"? Sein Werk scheint alle Einflüsse widerzuspiegeln, denen sich der Komponist je ausgesetzt hat. Das nächste Beispiel ist eine schöne Einstimmung auf die Herbstfestspiele. Hören Sie also nun den Beginn des Teils "Der Einsame im Herbst" aus dem "Lied von der Erde":



