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Eseleien
Festspielhaus-Sommerseminar: Erwischt!
Nicht jeder Künstler ist ein Originalgenie, das aus dem Nichts heraus Großes produziert, nie gehörte Musik, neu, anders, gleichsam aus sich selbst entstanden, wie aus dem All kommend, ohne Vorgänger. Die meisten großen Komponisten schreiben Traditionen fort; manche wie etwa Johannes Brahms finden nur unter Ängsten ihre eigene Stimme.

Manchmal, da dünkt Johannes Brahms einem wie ein Verbrecher, der nur schlampig Spuren verwischt, als ob er unbedingt erwischt werden wollte. Mit Ausnahme Gustav Mahlers hat sich niemand so schamlos bei seinen Vorgängern bedient. Die Zitate wurden nicht etwa versteckt, sondern im Gegenteil herausgearbeitet: Brahms‘ dritte Sinfonie haben schon dessen Zeitgenossen „Brahms‘ Eroica“ genannt (nach der ebenfalls dritten Sinfonie Beethovens), dazu gleicht der charakteristische Rhythmus ihres Hauptthemas dem des Hauptthemas von Robert Schumanns, raten Sie mal: Genau! 3. Sinfonie aufs Haar.
Brahms misstraute jedem Originalitätsstreben. Alle großen Gedanken wurden schon gedacht, schien seine Devise zu sein, alle großen Sinfonien schon geschrieben. Hier kraft Talents die Nachfolge anzutreten, bedeutete für ihn keine Ehre sondern Verpflichtung, Zumutung und schwerste emotionale Belastung. So verleugnet seine Musik ihre Vorgänger nicht, sondern verneigt sich vor ihnen. Die eigene Stimme schält sich nur vorsichtig, dafür umso deutlicher heraus, der eigene Brahms-Ton – schwer, warm, manchmal verkrampft („Die Kirschen (…) werden nicht süß“, sagte der Komponist dazu), dann, für knappe, kostbare Zeit, umso befreiter – dieser Ton war dennoch immer da zwischen all den Verbeugungen.
Dass es da bei Brahms‘ erster Sinfonie zur Krise kommen musste, überrascht nicht wirklich. Für dieses herrliche Werk hat der Komponist ganze 14 Jahre gebraucht, so sehr belastete ihn die Nachfolge. Deshalb gleicht die Sinfonie einem Spiegel, in dem sich alle geliebten Vorgänger wiederfinden lassen: Die Musikbeispiele der letzten Woche verglichen zwei Ausschnitte aus Beethovens fünften Sinfonie (dritter und erster Satz) mit ein paar Takten von Brahms.
Doch Beethovens Fünfte war nur eines der zahlreichen Vorbilder für Brahms‘ Erste. Der Bau ihres ersten Satzes orientiert sich frappant an Beethovens siebter Sinfonie (dem 6/8 Takt von Beethovens Siebter antwortet Brahms mit einem 9/8 Takt seiner Ersten; beide eint zudem die in der romantischen Sinfonik äußerst selten anzutreffende Tendenz zur Monothematik, d.h., beide, Beethovens Siebte wie Brahms‘ Erste besitzen in ihrem ersten Satz streng genommen nur ein Thema). Doch damit beginnen die Verweise erst: So findet der Bau des ersten Satzes (Langsam-Schnell-Langsam) in Mendelssohns Schottischer Sinfonie ihr Vorbild, einer Sinfonie, die sich ebenfalls an Beethovens siebter Sinfonie orientiert (diesen Spuren folgen wir einmal nach in einem Extra-Kapitel zu Beethovens siebter Sinfonie). Dazwischen spukt noch Joseph Haydn mit der Paukenwirbelsinfonie herum, und damit Sie bei all den Verweisen total den Überblick verlieren, folgen hier noch ein paar Musikbeispiele:
Zuerst Johann Sebastian Bach, Beginn der Matthäuspassion. Achten Sie auf den Orgelpunkt im Bass (ein sich wiederholender Bass-Ton) zu sich aufwärts schraubenden Melodie:
Nun Brahms‘ erste Sinfonie, langsame Einleitung – wieder Orgelpunkt, noch durch die Pauke verstärkt, dazu die sich hochsteigende Streichermelodik:
Als nächstes folgt eine allseits bekannte Melodie, das „Freude“-Thema aus Beethovens neunter Sinfonie:
Und nun das Finale-Thema aus Brahms‘ Erster:
Folgende Kleinigkeiten sind frappierend:
Und die Moral von der Geschicht‘? Man darf klauen, wenn man es kann und man wird trotzdem berühmt. Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Nach der umjubelnder Uraufführung der Ersten kam eine Bewunderin zum Brahms und sagte: „Maestro, ein geniales Werk! Doch geben Sie zu, das Finalthema haben Sie aus Beethovens Neunter gestohlen!“ „Jawohl“, antwortete der Maestro genervt, „und das Schlimmste ist, dass es jeder Esel gleich merkt“.
›› Live im Festspielhaus: Brahms erste Sinfonie



