
Ticket-Service
0 72 21/30 13-101
info@festspielhaus.de

Festspielhaus-Programm Hier können Sie das aktuelle Programm herunterladen ›› Programm download

Förderprogramm Solidarität zahlt sich aus: Vorkaufsrecht, exklusive Gespräche mit Künstlern, etc. ›› Sie ermöglichen Ideen
Der Gott der Improvisation
Am 10. Juli gibt Keith Jarrett mit Bassist Gary Peacock und Schlagzeuger Jack DeJohnette sein einziges Konzert in Deutschland. Siegfried Schmidt-Joos, als Musikjournalist selbst eineLegende, stellt in einem exklusiv fürs Festspielhaus geschriebenen Essay den Pianisten vor, der als Achtjähriger unter dem Flügel schlief und der berühmtesten Kompositionslehrerin Europas einen Korb gab.
In einer Schlüsselszene des Musicals „42nd Street“ beschwört ein Broadway-Produzent ein verzagtes Nachwuchstalent vor der Heimreise zu den Eltern: „Ich biete dir den aufregendsten Job der Welt, und du sagst A l l e n t o w n ?!“ Seither gilt die Kleinstadt Allentown in Pennsylvania als Inbegriff der amerikanischen Provinz. Und wenn man mehr ist als nur ein Nachwuchstalent, ist die erste Frage: Wie kommt man da raus?
Keith Jarrett, am 8. Mai 1945 in Allentown geboren, wurde die Genialität, die man ihm später allenthalben bescheinigte, wohl schon in die Wiege gelegt. Er sei ein „Naturwunder, ein demütiger Fels in der Brandung der lärmenden Beliebigkeit“, schwärmte Gregor Dotzauer im Berliner „Tagesspiegel“. In der „Welt“ nannte ihn Thomas Lindemann schlicht den „Gott der Soloimprovisation am Klavier“ oder auch den „Hohepriester der improvisierten Musik“.
Schon in dem Baby erkannte die Mutter ungarischer Abstammung das Wunderkind mit dem absoluten Gehör. Keith war noch nicht drei, als er den ersten Klavierunterricht bekam. Mit fünf trat er - in einer Talentshow des Bandleaders Paul Whiteman - zum ersten Mal im Fernsehen auf, mit sieben spielte er Bach, Beethoven und Mozart sowie zwei eigene Kompositionen in seinem ersten Solokonzert. Zum achten Geburtstag habe er sich ein Walkie-Talkie oder einen Elefanten gewünscht, erzählt er, aber gewusst, dass er dergleichen nicht bekommen werde. Stattdessen stand da sein erster Flügel. Jarrett: „Ich fiel beinahe in Ohnmacht, konnte es nicht glauben. Bestimmt eine Woche lang schlief ich unter dem Piano, stand in der Nacht auf und spielte darauf.“
Er besuchte die High School in Emmaus, Pennsylvania, studierte die Werke der Klassik bei den besten verfügbaren Musikpädagogen und bekam schon im frühen Teenageralter das Angebot eines Kompositionsstudiums bei Nadja Boulanger in Paris - weit weg von Allentown. Doch er hatte Jazz eingeatmet und ging 1963 lieber nach Boston ans Berklee College of Music, Amerikas renommierteste Ausbildungsstätte für improvisierte Musik. Ein Jahr später, im Alter von 19, trieb es ihn nach New York.
Jazz war dort Mitte der Sechziger aufregend im Umbruch. Die jungen Musiker, mit denen er jammte, lauschten mit offenen Ohren der etwa durch Bob Dylan oder die Doors interessant gewordenen Folk-, Rock- und Popmusik. Nach einem kurzen Gastspiel bei Art Blakeys Jazz Messengers wurde Jarrett Pianist des Charles Lloyd Quartets, bei dem Jack DeJohnette am Schlagzeug saß. Saxophonist Lloyd und seine Partner kostümierten sich als Blumenkinder und spielten auch so: beseelt bis an die Grenze des Psychedelischen und außerordentlich frisch. Ihr Album „Forest Flower“ (1966) war eine der meistverkauften Jazz-Langspielplatten jener Zeit.
Kein Wunder, dass man die Solisten dieses erfolgreichen Ensembles auch einzeln als Bandleader ins Studio bat. Jarrett machte in seiner Zeit bei Lloyd mit Charlie Haden am Bass und Paul Motian am Schlagzeug drei geradezu hippyeske LPs. Besonders die zweite, „Restoration Ruin“ (1968), wurde von der Kritik als ein Folk-Rock-Album eingeschätzt. Keith Jarrett spielte darauf eine Vielzahl von Instrumenten und sang sogar. Als er sich 1969 von Charles Lloyd getrennt hatte und Miles Davis Musiker mit Rock-Feeling suchte, holte der Trompetengott Jarrett in seine Band. An den Drums saß wieder Jack DeJohnette.
Die musikalische Übereinstimmung zwischen dem Keyboarder und dem Trommler war sicher einer der Gründe, weshalb Jarrett Miles Davis auf Meilenstein-LPs wie „Miles at Fillmore“, „Live-Evil“ (beide 1970) oder „Get Up With It“ (1974) an E-Piano und elektrischer Orgel begleitete, obgleich er dessen Vorliebe für elektronische Instrumente nicht teilte. Auf seinen eigenen zwölf Combo-LPs der Jahre 1971 bis 1977 wurde ausschließlich auf klassischen akustischen Instrumenten musiziert; Jarrett spielte oft auch Sopransaxophon. Er hatte das Trio mit Charlie Haden und Paul Motian um den Saxophonisten Dewey Redman zum so genannten American Quartet erweitert, dem er in der zweiten Hälfte der Siebziger für vier LPs ein European Quartet mit Jan Garbarek (Saxophon), Palle Danielsson (Bass) und Jan Christenson (Schlagzeug) gegenüber stellte.
Seinem unbändigen musikalischen Ausdruckswillen war das alles noch nicht genug. Seit den frühen Siebzigern komponierte er Konzertwerke für Piano und Kammerorchester, trat als Klaviersolist mit Sinfonieorchestern auf und vertiefte sich in die Werke von Bach, Händel, Mozart, Schostakowitsch und Arvo Pärt. Und mehr noch: Er trat gewissermaßen nackt - ohne Entwurf, ohne Noten und ohne Programm - rund um den Globus in Solo-Recitals vor den Moloch Publikum, „starting from nothing and building a universe,“ so der Künstler, als gehe es um Leben und Tod.
Da konnte es geschehen, dass er vor dem ersten Anschlag eine gefühlte Ewigkeit lang auf die Tastatur starrte, bis ihm ein Zuhörer aus dem bis zum Bersten angespannten Auditorium eine Harmonieziffer zuwarf und damit die Blockade brach. Doch wenn er dann loslegte, wenn sich die Klangkaskaden überstürzten, schroffe Riffs sich zum Ragtime verzerrten oder in Boogiebässe zerfielen, wenn aus einem hingehuschten Motiv plötzlich ein stampfendes Ostinato hervorbrach, nahm das Publikum an einem einzigartigen Schöpfungsakt teil.
Man mache sich keine Vorstellung von den olympiareifen mentalen, physischen und emotionalen Vorbereitungen, die solche Abende erfordern, erklärte Jarrett, und von dem geradezu übermenschlichen Zwang zur Konzentration. Dass ihn Husten und Unruhe im Saal mitunter zu Abbrüchen und Schimpfkanonaden veranlassten, dass er beim winzigsten Misston aus dem Flügel nervös nach einem Klavierstimmer verlangte - nicht jeder konnte es verstehen. „Keith Jarrett nervt mit immer absurderen Allüren,“ titelte die „Welt“. Schließlich forderte seine Gesundheit für den Drahtseilakt ohne Netz Tribut. Der Pianist erkrankte Anfang der Achtziger an einem chronischen Erschöpfungssyndrom und konnte lange Zeit nicht auftreten. Die Mitschnitte seiner selbstmörderischen Sternstunden wurden mittlerweile als Bestseller gehandelt. Das legendäre „Köln Concert“ (1975) ist mit 3,5 Millionen Exemplaren die meistverkaufte Jazz-Soloplatte aller Zeiten.
Jarretts Münchner Plattenproduzent Manfred Eicher brachte es schließlich fertig, den Künstler zum Comeback zu ermuntern. Er bat ihn für eine Aufnahmeserie mit vertrauten Jazzstücken ins Studio, die auf den ECM-LPs „Standards, Vol. 1 + 2“ und „Changes“ veröffentlicht wurden. Jarrett wählte sich als Mitspieler den sensitiven Bassisten Gary Peacock und seinen alten Weggefährten Jack DeJohnette. Die drei Musiker hatten zuvor unter Peacocks Namen bereits das ECM Album „Tales of Another“ (1977) eingespielt und wussten, dass sie sich beim Improvisieren nachtwandlerisch ergänzten. Niemand aber konnte voraussehen, dass sich dieses Trio mit über 20 CD Veröffentlichungen bis heute zu einem der stabilsten Ensembles des zeitgenössischen Jazz entwickeln würde.
Die große Kunst dieses Trios bestehe darin, schrieb Thomas Steinfeld in der „Süddeutschen Zeitung“, etwas Komponiertes und sehr Bekanntes so darzubieten, als gehe es gerade jetzt aus einer Eingebung des Augenblicks hervor. Und er bedauerte, dass hier „eine musikalische Form von unerhörter Feinheit, Schönheit und Reife“ existiere, die nur „an der Peripherie der zeitgenössischen Kultur“ wahrgenommen werde. Mit seinem Kernrepertoire von Melodien George Gershwins, Cole Porters oder Jerome Kerns aus dem Great American Songbook und den kompositorischen Einfällen von Duke Ellington, Dizzy Gillespie und Charlie Parker befindet sich dieses Trio jedoch im Zentrum der Jazztradition eines ganzen Jahrhunderts und ist damit vortrefflich geerdet. Keith Jarrett lebt übrigens seit vielen Jahren in einem Farmhaus aus dem 18. Jahrhundert in Warren County, New Jersey, gar nicht sehr weit entfernt von Allentown.
Siegfried Schmidt-Joos



