Festspielhaus Baden-Baden

Die vierte Wand

In dieser Woche stellt Festspielhaus-Redakteur Dariusz Szymanski die Matthäuspassion von J. S. Bach vor. So alt das Werk ist – es nimmt das moderne Theater vorweg. Der Zuhörer muss ständig schalten zwischen der „Erzählung“ und „Kommentar“. Chöre wechseln ihre „Rollen“ in Sekundenschnelle und werden zum Teil des Publikums. Kleine Höranleitung. 

In Bachs Matthäuspassion geschieht längst, was im zwanzigsten Jahrhundert eine Forderung des modernen Theaters werden sollte: die Aufhebung der so genannten „vierten Wand“.

Im klassischen Theater spielen Schauspieler, als ob es das Publikum nicht gäbe. Eine Liebesszene zwischen zwei Leuten findet eben zwischen zwei Leuten statt; dass 200 Menschen zuschauen wird ignoriert. Hier spricht man von der unsichtbaren „vierten Wand“ zwischen den Schauspielern und dem Publikum (die drei übrigen Wände sind die Rückwand mit Prospekten sowie die beiden Seitenwände).

Das moderne Theater wollte also diese vierte Wand einreißen;  dabei machte das Bach in seinen Passionen längst. Die Zuschauer (hier eher: die Gemeinde)  machen bei dem Geschehen mit. Sie werden ganz konkret einbezogen – über die Choräle und die Arien.

Ein Beispiel. Die Szene stammt direkt aus dem Matthäusevangelium. Hier wird die Gemeinde (das Publikum) noch „ignoriert“:

Jesus: Wahrlich, ich sage euch, einer unter euch wird mich verraten.
Evangelist: Und sie wurden sehr betrübt, und huben an, ein jeglicher unter ihnen, und sagten zu ihm
Chor:
Herr, bin ich´s?

Und nun passiert es: Der Chor, der oben noch die erschreckten Jünger Jesu spielte („Herr bin ich´s?“) verwandelt sich und wird Teil der Gemeinde/des Publikums. Er singt folgenden Choral:

Choral: 
Ich bin's, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen gebunden in der Höll, die Geißeln und die Banden  und was du ausgestanden, das hat verdienet meine Seel. 

Auf die Frage der Jünger „Bin ich´s“? antwortet die Gemeinde mit „ich bin´s, ich sollte büßen“. Die Menschen „im Publikum“ reflektieren die Frage der Jünger und denken sie weiter; sie beziehen diese Frage auf sich. Das wird daran deutlich, dass Bach diesen Choral auf eine allgemein bekannte Melodie singen lässt. Das Publikum hatte die neuen Texte vor sich und konnte gleich mit dem Szenenchor mitsingen: Die Wand zwischen Bühnen(Kirchen)geschehen und dem Publikum/der Gemeinde war aufgebrochen.

Anhang: Ähnliches gilt für die Arien. Diese beziehen die Geschehnisse „auf der Bühne“ auf das individuelle Leben. Nur antwortet hier nicht die Gemeinde. Der Einzelne ist gemeint. Er soll sich mit dem Ariensänger identifizieren und das Gesungene möglichst genau nachempfinden.  

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