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Boris Godunow – das Original
Kaum eine Oper hat so eine verworrene Entstehungsgeschichte wie "Boris Godunow". Im Festspielhaus Baden-Baden erklingt zum Auftakt der Sommerfestspiele 2012 das Original in der Fassung von 1868/69. Am Freitag, 20. Juli um 19 Uhr gastiert das russische Nationalheiligtum in einer rein russischen Besetzung unter Valery Gergiev.

Der Reclam Opernführer ist eindeutig: "Nächst Richard Wagners Tristan und Isolde hat kaum ein anderes Werk so zukunftweisend und anregend auf die Entwicklung der Oper gewirkt wie Boris Godunow." Besonders der französische Impressionismus um Debussy und Ravel hätte sich ohne dieses Vorbild anders entwickelt. Doch es ist nicht nur die rein historische Bedeutung, die den "Boris" zu einer der bedeutendsten Opern überhaupt macht, sondern die bleibende Qualität der Musik Mussorgskys: Überwältigende Chorpartien wechseln sich ab mit psychologischen Monologen, Volksliedern und Wahnsinns-Szenen (im übertragen wie wörtlichen Sinne).
Problematische Entstehungsgeschichte
Wie viele Werke Mussorgskys hatte auch der "Boris" eine problematische Entstehungsgeschichte. Vom Komponisten selbst stammen zwei Versionen des Werks; die spätere ergänzt die Handlung um eine Liebesgeschichte und nähert sich so den Konventionen der romantischen Opern. Dabei wird jedoch die Gradlinigkeit der ursprünglichen Handlung geopfert, so dass man sich heute meist für die erste Fassung zu entscheiden pflegt. Doch welche "erste Fassung"? Generationen mussten sich mit einem falschen "Boris" begnügen. Mussorgskys Version war so ungewöhnlich für ihre Zeit, dass sie bald von dem Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow tiefgreifend bearbeitet und uminstrumentiert wurde. Diese Bearbeitung wurde bis in die siebziger Jahre hinein gespielt; 1959 erklang zum ersten Mal eine Neuistrumentierung des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Heute verstören die kühnen Ideen Mussorgskys kaum mehr und so erklingt in der Baden-Badener Neuinszenierung die beste Version - nämlich die von Mussorgsky selbst in der ersten Fassung von 1868/69.

Neuinszenierung in Baden-Baden
Die Neuinszenierung im Festspielhaus Baden-Baden ist eine Koproduktion mit dem Mariinsky-Theater St. Petersburg unter der musikalischen Leitung von Valery Gergiev. Sie schreibt eine Erfolgsgeschichte fort, die mit der Historie des Festspielhauses eng verknüpft ist. Valery Gergiev und sein Mariinsky-Orchester haben das Eröffnungskonzert gestaltet und sind dem Haus seitdem verbunden. Diese Partnerschaft ist gegenseitig: In den letzten Jahren begleitete das Festspielhaus Baden-Baden mit zahlreichen Koproduktionen die Entwicklung des Mariinsky-Theaters vom Realismus sozialistischen Prägung weg, hin zu einer eigenen, unabhängigen Theaterhandschrift in Zusammenarbeit mit internationalen Regisseuren. Produktionen wie der "Ring des Nibelungen", Jenufa, oder ein Puccini-Projekt stehen für die Erweiterung des Spektrums über die russische Operngeschichte hinaus. Doch auch die russischen Opern werden moderneren Betrachtungsweisen unterzogen: Dafür stehen zahlreiche Tschaikowski-Opernaufführungen (unter anderem die Yolantha mit Anna Netrebko), und nicht zuletzt "Boris Godunow": Nach einer Aufführung im Jahr 2002, die noch den sowjetischen Traditionen verpflichtet war, folgt nun ein neuer "Boris" unter der Regie von Graham Vick.



