Festspielhaus Baden-Baden

Wer ins Festspielhaus Baden-Baden kommt, will in Schönheit schwelgen, sich in verzauberte Welten verlieren und einfach mal den Alltag vergessen. Oder aber: Er will höchste Maßstäbe an das Können der Künstler anlegen, Qualität erleben und keine Kompromisse eingehen. Das man das eine tun und das andere nicht lassen braucht, wollen wir Ihnen anhand einiger Impressionen beweisen...

Überwältigend

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort: Statt zu hören, auf himmlische Ratschläge nämlich, starrte Frau Lot auf Sodom und Gomorrha und erstarrte zur Salzsäule. Und die Moral von der Geschicht’? Misstrauen Sie Ihrer Neugierde und folgen brav des Göttergatten Anweisungen? Nicht wirklich. Lots Frau konnte nicht anders. Der Schrecken erregt. Deshalb handeln alle großen Opern vom Sterben und von der Liebe. Beim Tod wie beim Eros schaut man gebannt hin – oder wendet sich weg, verdrängend und verängstigt. Wird der Blick magnetisch angezogen, darf der Blickende an den Klippen seiner Schaulust zerschellen. Das Unbewältigte soll uns überwältigen: Liebe, Tod, Geburt, Katastrophen, Glück – all das droht und lockt uns, all das ist zu allen Zeiten fremd, geheimnisvoll, zu uns gehörend, von uns weisend, persönlich und allen eigen. Lots Frau wandte sich um und erstarrte. Sie schaute tief in die Geschichte zurück, sah, wie Menschen lieben und sterben, wie Zivilisationen in Asche vergehen. Um das, was sie sah, zu bannen, wurde die Kunst erfunden. Dieser geht es um das Schicksal der Welt. Es treibt Menschen auf den Thron und in den Ruin, ist immer da, willkürlich, ungerecht, auch unverständlich: Kaum jemand kann heute die Probleme von Wagners Helden rational nachvollziehen. Warum sie leiden, sich verzehren, ist nicht wichtig. Wie sie es tun, wie sie sich diesem Schicksal entgegenstellen, es annehmen, es überwinden, durch welche unglaubwürdigen Wunder auch immer – das ist überwältigend. Es steckt eine Kraft darin, die uns den Atem raubt und uns in die Konzertsessel hineindrückt. Deshalb: Wenn die Welt von der Überforderung durch die Krise redet, antworten wir ihr mit der Überwältigung durch die Kunst. Wenn im Publikum beim Schlussapplaus erst einer aufsteht, dann zwei und schließlich der ganze Saal von den Sesseln schier aufspringt: Das ist es. Darum machen wir das. Weil der Enthusiasmus des Publikums, der den Enthusiasmus der Künstler wie eine Flamme aufnimmt und verstärkt, nicht nach der Aufführung einfach verpufft, sondern weiterwirkt: bei unseren Förderern, im Freundeskreis und nicht zuletzt bei den Künstlern selbst, die deshalb immer wieder in dieses Haus zurückkehren. Davon sind wir überwältigt. Und wenden den Blick nach vorn, festen Boden unter den Füßen fühlend. Kunst folgt keinen Kursschwankungen. Sie setzt Werte.