Festspielhaus Baden-Baden
Di., 25. Mai 2010

Leidenschaft pur: Pfingstfestspiele 2010

"Carmen" als Premiere bei den Pfingstfestspielen 2010.

Carmen (Rinat Shaham) reckt am Ende des ersten Aktes wie eine Freiheitskämpferin das Gewehr in die Höhe. Links vorne im Bild: Nikolai Schukoff als Don José. Foto: Andrea Kremper

Die israelische Mezzo-Sopranistin Rinat Shaham ist eine ausgesprochene Vollblut-Carmen: Wen Carmen will, den nimmt sie sich einfach. Foto: Andrea Kremper

Carmen (Rinat Shaham) tanzt in Lillas Pastias Taverne auf dem Tisch, um Don José zu bezirzen. Foto: Andrea Kremper

Nun hat Carmen (Rinat Shaham) erreicht was sie will: Don José (Nikolai Schukoff) kann ihr nicht mehr widerstehen. Foto: Andrea Kremper

Die Welt der Soldaten (Mitglieder des Balthasar-Neumann-Chores) ist grau und trist. Ganz links im Bild sitzt etwas abseits der junge Sergeant Don José (Nikolai Schukoff). Im Orchestergraben dirigiert Teodor Currentzis das Balthasar-Neumann-Ensemble. Foto: Andrea Kremper

Bestens aufgelegt: Solisten, Regie- und Musikteam der "Carmen" bei der Premierenfeier. Foto: Tran-Quang

Voller Vorfreude: Ministerpräsident Stefan Mappus mit Gattin auf dem roten Teppich. Foto: Tran-Quang

Ministerpräsident Stefan Mappus (rechts) begrüßt mit seiner Frau den Festspielhaus-Intendanten Andreas Mölich-Zebhauser und seine Frau Lioba. Foto: Tran-Quang

Premierenandrang zur "Carmen" im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Tran-Quang

Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble kam als Opernfreund und Vorsitzender. Foto: Tran-Quang

Abendliche Festspiel-Atmosphäre. Foto: Tran-Quang

Applaus für eine besondere „Carmen“. Foto: Tran-Quang

Der Maestro bedankt sich beim Balthasar-Neumann-Ensemble. Foto: Tran-Quang

Die Brüder Renaud und Gautier Capuçon stellten am Pfingstsonntag ihre hohe kammermusikalische Kunst unter Beweis. Am Flügel begleitete der Pianist Frank Braley. Foto: Andrea Kremper

Georg Breinschmid, Beni Schmid und Diknu Schneeberger bei ihrer "Hommage à Stéphane Grappelli" im Kristallsaal des LA8. Foto: Andrea Kremper

Die spanische Pianistin Alba Ventura beim musikalischen Morgenerwachen am Pfingstmontag im lichtdurchfluteten Museum Frieder Burda. Foto: Andrea Kremper

Schwereloser Stier auf festlicher Premiere
BADEN-BADEN - Langer Applaus, große Emotionen, glückliche Künstler: Die Pfingstfestspiel-Premiere 2010 bot jede Menge Gesprächsstoff für Feiern und Medien. Bis in die Nacht saßen Publikum und Künstler am Samstag, 22. Mai 2010 noch im Festspielhaus zusammen und diskutierten die neue Sicht auf „Carmen“ des französischen Regisseurs Philippe Arlaud und den musikalischen Zugang durch Dirigent Teodor Currentzis.
Schon am Roten Teppich war nachmittags Festspielatmosphäre pur zu genießen gewesen. Polit- und Kulturprominenz, Wirtschafts-Lenker und Musikfreunde aus vielen Ländern waren bei bestem Festspielwetter zum „Alten Bahnhof“ gekommen, um gemeinsam eine außergewöhnliche Premiere zu feiern.
Wenige Stunden nach dem Ende der Vorstellung erschienen bereits die ersten Kritiken im Internet und im Hörfunk. Auszüge daraus stellen wir Ihnen hier kurz zusammen:

Weißt du, wie das war, bei Lillas Pastia?
Es ist ein völlig neuer "Carmen"-Ton, der die Premiere zur Eröffnung der Pfingstfestspiele trägt. Eine fließende, filigran aufgefächerte, sehr debussynahe Naturbeschwörung, die alle temperamentvoll auftrumpfenden Spanien-Klischees in einen raffinierten Sensualismus auflöst. Eine Phantasterei, ein Traum durch und durch, der spätestens mit dem sich hier wie Opiumschwaden in die Lüfte verflüchtigenden Zigarettenchor beginnt (fabelhaft präzise und klangsinnlich: der von Detlef Bratschke einstudierte Balthasar-Neumann-Chor) und in dem selbst noch ein zupackender "Hit" der Partitur, das Stierkämpfer-Vorspiel zum vierten Akt, befangen bleibt: Im vibratoarmen Klang der Streicher streift die Musik hier alle Erdenschwere ab und scheint den akustischen Raum als eine sich jäh entzündende Phantasmagorie in Flammen zu setzen. (...) (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Schwereloser Stier“
Dass dem Festspielhaus Baden-Baden mit dieser «Carmen» ein großer Wurf gelingt, liegt an der musikalischen Umsetzung. Teodor Currentzis entdeckt mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble in der Partitur die gesamte Bandbreite der Emotionen. Ein normales, uninspiriertes Mezzoforte ist nie zu hören. Currentzis geht mit dem auf historischen Instrumenten spielenden Ensemble fast bis zur Unhörbarkeit. Die melodischen Linien in den Streichern haben Charme, die Bläser geben Drive und Frische. Nur manches Mal kommt dem Orchester etwas die Präzision abhanden, wenn das exzessive Dirigat des Griechen die Pizzicati der Kontrabässe unkoordiniert lässt oder manche Akkordschläge nicht perfekt zusammen sind. (kultiversum.de)


„Sensationelle Entdeckung“
Ein neuerlicher Schub an Vitalität kommt nun aus dem Festspielhaus Baden-Baden, das «Carmen» anlässlich seiner diesjährigen Pfingstfestspiele herausgebracht hat. Wie bei «Rigoletto» von Verdi (2004) und dessen «Falstaff» (2007) waren wieder das Balthasar-Neumann-Ensemble und der gleichnamige Chor beteiligt, was auf einen Ansatz im Zeichen der historischen Aufführungspraxis schliessen liess. Am Pult stand jedoch nicht mehr Thomas Hengelbrock, sondern Teodor Currentzis, und das war nicht weniger als eine Sensation. Nicht nur war aus den beiden Klangkörpern, dem Chor wie dem Orchester, jede Spur jener skandierenden Härte verschwunden, die das Vergnügen an den beiden Verdi-Produktionen geschmälert hatte, es gab da auch einen jungen Dirigenten zu entdecken, der an Begabung und Musikalität so ziemlich alles in den Schatten stellt, was in den letzten Jahren nachgewachsen ist. (...) (NZZ, Zürich)

Nicht Sex, das Gewehr ist ihre Waffe
Der Struktur von Prosper Merimées Novelle folgend erzählt Arlaud die Oper aus der Rückschau des zum Tode verurteilten Don José. Er ist Teil einer rauchgeschwängerten, monotonen Soldatenwelt: Im Feinrippunterhemd sitzen die Burschen herum, gespielt vom grandios singenden Balthasar-Neumann-Chor, putzen Waffen und lassen sich von Zuniga (Jean-Marc Salzmann) schikanieren, während die Zigarrenarbeiterinnen in grauen Mänteln herumstehen. Den Gegenpol dazu bildet die Freiheit der Zigeuner: In einer vom Regisseur selbst entworfenen Stein- und Kaktuslandschaft hausen sie wildromantisch. (...) (Stuttgarter Zeitung)

Ein unerbittliches Spiel von Liebe und Tod
Nikolai Schukoff versieht diesen Don José in Baden-Baden mit einem reichen Innenleben. Sein warmer Tenor kann Geborgenheit vermitteln beim innigen Duett mit seiner Verlobten Micaela (eine Entdeckung: Marina Rebeka) im ersten Akt. Er hat aber auch die notwendige Härte, um der Verzweiflung Raum zu geben. (...) Rinat Shaham ist eine rassige Carmen, deren körperliche Präsenz von ihr musikalisch gestützt wird. Besonders in der tragenden Tiefe ihres dunklen Mezzosoprans spürt man die Stärke dieser Frau, die sich der Männerwelt entgegenstellt und ihren eigenen Weg geht. Bei der ersten Kontaktaufnahme übergibt sie Don José die Blume nicht, sondern schleudert sie ihm mitten ins Gesicht. (...) (Badisches Tagblatt)

 

Vielschichtiges Konzertprogramm

Das Konzertprogramm der Pfingstfestspiele 2010 bestach vor allem durch hohe die künstlerische Vollkommenheit sowie eine vielschichtige Programm-Zusammenstellung. Wie der Intendant Andreas Mölich-Zebhauser bereits in der Pressekonferenz betont hatte, stellten die diesjährigen Pfingstfestspiele "ein Optimum eines vielfarbigen Programms in einem Zeitraum von nur neun Tagen" dar. Lesen Sie hier einige Auschnitte aus Rezensionen zu den einzelnen Konzerten:

Renaud und Gautier Capuçon 
Eine traumwandlerisch sichere Feinabstimmung zwischen den Musikern prägte ihre Interpretation von Schuberts B-Dur-Trio D 898. Das ist nicht überraschend, schließlich haben die Capuçons und Braley dieses Stück auf CD eingespielt. Aber ihre mitreißende Spielfreude kommmt nur live im Konzertsaal zum Ausdruck. Wunderbar gesanglich musizierten sie das insgesamt sehr lyrische Stück, besonders schön kam die Kunst des kantablen Spiels bei Gautier Capuçons Wiedergabe des Celloparts im Andante zum Tragen. Renaud Capuçon verlieh seiner Geige in diesem Satz eine beseelte, romantisch anmutende Empfindung. (...) (Badisches Tagblatt)

Hommage à Stéphane Grappelli
Einen grandiosen Konzertabend, der mit Ovationen im Stehen und Bravo-Rufen endete, erlebten zahlreiche Besucher Sonntagnacht im Kulturhaus LA8. (...) Der Wiener Violinvirtuose Benjamin Schmid hatte das Glück, Grappelli persönlich kennenzulernen und von ihm gefördert zu werden. (...) Seine brillanten Begleiter in dem Konzert waren Bassist Georg Breinschmid und der erst 20-jährige Diknu Schneeberger an der Jazzgitarre. (...) Während der Geiger sein Instrument zutiefst emotional weinen, seufzen und jauchzen ließ, schien der Bass des äußerst vielseitig agierenden Breinschmid wie eine Katze neun Leben zu haben. Da wurde mit extra geschützten Fingerkuppen gezupft und getrommelt, nur für Sekunden der Bogen zur Hand genommen und das Instrument im fortwährenden Dialog gehalten. (...) Der blutjunge Jazzgitarrist Diknu Schneeberger überzeugte ebenfalls als ausgesprochen innovativer Musiker. In seinen Soloparts vereinte er rhythmische Präzision mit melodischem Feingefühl... (...) (Badische Neueste Nachrichten)   

Musikalisches Morgenerwachen
Jede Menge spanisches Temperament, samtene Anschläge mit herrlichem Ton, die Liebe zum Klaiver, werkgetreue Interpretationen und die natürliche Hingabe an die Musik: Die spanische Pianistin Alba Ventura begeisterte das Publikum bei dem musikalischen Morgenerwachen im Museum Frieder Burda und führte die Pfingstfestspiele in die Welt der spanischen Musik. (...) Mit dem "Danza del Terror", der "Pantomina" und dem "Feuertanz" aus dem Ballett "Liebeszauber" wurde auch der letzte Träumer bei dem musikalischen Morgenerwachen geweckt und Alba Ventura entfachte in dem Konzert den musikalischen Liebeszauber mit ihrem Klavierspiel beim Publikum, das sie mit großem Applaus verabschiedete. (Badische Neueste Nachrichten)

Französische Chormusik
Die bei Saint-Saëns altertümelnd wirkende Kompositionsweise weicht in den "Sept Chansons" von Françis Poulenc einer bewussten Hinwendung zur Kunst der Madrigale. In den jeweils kaum zweiminütigen, stark gegensätzlichen Miniaturen auf Texte von Apollinaire und Paul Eluard fing der Balthasar-Neumann-Chor die angehäuften rhythmischen, melodischen und ausdrucksmäßigen Nuancen feinnervig ein, blieb im vollklingenden ersten Lied ebenso flexibel wie in den raschen, hingeworfenen Einwürfen und Wchselgesängen mit den prägnanten Soli der Bässe und Soprane, der schwebend wie von einer schwingenden Stimmgabel erzeugten Klangsäule im "Par une nuit nouvelle", den luftigen Trippelschritten in "Marie" und dem satten runden Leuchtklan in "Luire". (...) (Badische Neueste Nachrichten)